Frau liegt am Rücken und genießt eine ayurvedische Behandlung. Hände berühren ihre Schulter, ayurvedische Mittel sind im Vordergrund zu sehen.
28.10.2020

Finden Sie Ihr individuelles Gleichgewicht mit Ayurveda

Text: Ursula Mitteregger

Kennen Sie Ayurveda? Vielleicht sind Sie schon mal in einem Entspannungsurlaub oder bei etwaigen Beschwerden darauf gestoßen. Erfahren Sie, was es mit dieser jahrtausendealten Lebensphilosophie auf sich hat und wie sie Sie dabei unterstützen kann, Ihr ureigenes Gleichgewicht zu finden und zu leben.

Die Wissenschaft des Lebens verstehen

Es gibt zahlreiche Wissenschaften, die Sie an öffentlichen Universitäten studieren können. Die Online-Verzeichnisse verschiedener öffentlicher Hochschulen quellen förmlich über von Geistes-, Natur-, Human- und Strukturwissenschaften. Doch die im Wesenskern unseres menschlichen Daseins wohl naheliegendste Wissenschaft sucht man hier vergebens: Ayurveda. Ayurveda kommt aus dem Sanskrit und leitet sich aus den Worten „Ayus“ für Leben und „Veda“ für Wissenschaft ab. Es kann somit als die „Wissenschaft des Lebens“ übersetzt werden. Da es sich dabei um keine Wissenschaft im klassischen Sinne handelt, wird Ayurveda zumeist an eigenen Bildungseinrichtungen gelehrt. Gemäß Duden kann Ayurveda mit den Artikelbezeichnungen „der“ oder „das“ verwendet werden.

Historisch und geographisch betrachtet kommt Ayurveda aus Indien. Die Heilkunst versteht sich als universelles System, das überall und jederzeit anwendbar ist. Der historische Ursprung geht auf die frühe vedische Zeit von ca. 6.000 bis 3.000 v. Chr. zurück, zu der die Menschen noch stark im Einklang mit und im Rhythmus der Natur lebten. Die ältesten bekannten Aufzeichnungen sind in den philosophischen Schriften des Agnivesha Tantra bzw. Agnivesha Samhita zu finden und sind etwa 3.000 Jahre alt.

Um Ayurveda zu verstehen ist es notwendig, sich mit den ayurvedischen Sichtweisen folgender Bereiche auseinander zu setzen:

  • Medizin

  • Philosophie
  • Psychologie

  • Spiritualität

  • Soziologie

In diesem Artikel konzentrieren wir uns vor allem auf die medizinischen Ansätze.

Die Besonderheiten der ayurvedischen Medizin 

Eine der Besonderheiten der ayurvedischen Medizin ist, dass sie sich als ganzheitliche Gesundheitslehre betrachtet, die zum Ziel hat Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen und somit ein Leben in Balance zu ermöglichen. Dabei werden keine strikten dogmatischen Richtlinien verfolgt. Vieles „kann“ dabei, nichts „muss“.

Ayurveda fördert in erster Linie die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und Anderen. Dadurch lernt man sich selbst besser kennen und spürt, was einem selbst und seiner individuellen Gesundheit zuträglich ist, und was nicht. Damit agiert Ayurveda vorwiegend präventiv und sorgt dafür, dass gesundheitliche Dysbalancen bis hin zu Krankheiten gar nicht erst entstehen. Es kann aber natürlich auch dazu dienen, bereits bestehende Mangelzustände zu beheben. Dabei orientiert sich das Ayurveda an den sogenannten Doshas, in denen sich die Qualitäten der fünf Elemente widerspiegeln.

Ayurvedisches Gleichgewicht: Die fünf Elemente als erklärende Basis der Doshas

Im Ayurveda spiegelt sich der Ansatz wider, dass der Mensch als Teil der Natur betrachtet wird und nicht als etwas von ihr Getrenntes. Begründet wird dies durch die Naturwissenschaft, die besagt, dass alles im Universum aus den gleichen Atomen besteht. Sie machen alles Feste, Flüssige und Gasförmige aus. Diese Bausteine finden sich also auch im Menschen wieder und so ist es für die ayurvedische Lehre ganz selbstverständlich, die natürlichen Rhythmen des Menschen im Einklang mit der Natur zu berücksichtigen beziehungsweise umgekehrt. Der Mikrokosmos spiegelt sich also im Makrokosmos wider und vice versa. Welche Kräfte und Qualitäten in diesem Zusammenhang wirken und dafür verantwortlich sind, ob etwas fest, flüssig oder gasförmig ist und welche Eigenschaften damit verbunden sind, wird anhand der fünf Elemente erklärt.

Element Erde: Die stabile Basis

Dem Element Erde (Prthvi) werden die Eigenschaften kalt, schwer, rau, hart, grobstofflich, trocken, träge und fest zugeschrieben. Sie spiegeln Stabilität, Wachstum, Schwere und Kompaktheit wider. Das ihm zugeordnete Sinnesorgan ist die Nase.

Element Wasser: schafft Verbindung

Wasser (Jala) lebt von den Eigenschaften flüssig, feucht, schwer, kalt, träge, weich und glatt. Es verbindet verschiedene Elemente und bedeutet auch das Prinzip des Lebens. Das betreffende Sinnesorgan ist die Zunge.

Element Feuer: hitzige Transformation

Das Element Feuer  (Agni) bezieht sich auf die Eigenschaften heiß, scharf, penetrierend, fein, leicht, trocken und beweglich. Das Feuer steht für Hitze, Energie und Transformation und beeinflusst unsere Verdauung und Hautgesundheit. Mit dem Feuer werden die Augen als Sinnesorgan in Verbindung gebracht.

Luft: spiegelt leichte Bewegung wider

Der Luft (Vayu) werden die Eigenschaften leicht, kühl, rau, trocken, feinstofflich und beweglich zugeordnet. Das entsprechende Sinnesorgan ist die Haut.

Raum: wirkt durchdringend

Das Element Raum (Akasa) wird auch Äther genannt und entspricht den Eigenschaften weich, leicht, fein, glatt, subtil und durchdringend. Es spiegelt Ausdehnung im Sinne von der Abwesenheit von Widerständen wider. Es ist ein sehr vages Element und daher für den menschlichen Verstand schwer greifbar. Das Element bildet den Raum, in dem die anderen Elemente existieren können. Es wird den Ohren als Sinnesorgan zugeordnet. 

Durch dieses dem Ayurveda zugrunde liegenden System können wir vorherrschende Qualitäten in unserem ganzen Menschsein und auch in unserem Leben und unserer Umgebung eruieren. Sie kennen es sicher, im Winter zum Beispiel ist die Luft eher trocken, im Sommer jedoch mitunter sehr feucht, was den Elementen Feuer und Wasser zuzuordnen ist. Nudeln zum Beispiel sind eher schwer und dem Erd-Element zuzuordnen. Mit einer leichten Gemüsesoße können sie jedoch ausgeglichen und bekömmlicher gemacht werden. 

Geistig ist zum Beispiel das Luft-Element vorherrschend, wenn  unsere Gedanken nicht zur Ruhe kommen können. Hilfreich können hier zum Beispiel Konzentrations- oder aber auch Atemübungen sein, um das Element Luft zu beruhigen und den Geist zu erden. Beobachten Sie sich im Alltag, wie unterschiedliche Lebensmittel, Menschen, Umgebungen und Situationen auf Sie wirken – und was es nun gefühlsmäßig für Sie brauchen würde, um die jeweilige vorherrschende Ausprägung auszugleichen. 

Die ayurvedische Lehre bedient sich zur Kategorisierung der drei Doshas. Die Basis dieser Doshas bilden wiederum die oben genannten fünf Elemente des indischen Systems mit ihren Eigenschaften und Qualitäten.

Drei Doshas als Basis für das Verständnis des menschlichen Individuums

Unter den drei Doshas (auch Tridosha genannt) werden im Ayurveda drei bioenergetische Kräfte – Vata, Pitta und Kapha – verstanden, die in unterschiedlicher Zusammensetzung jedem Menschen zugrunde liegen. Die unterschiedliche Zusammensetzung macht dabei das Individuum eines jeden Menschen aus. Sie werden zu den folgenden Doshas zusammengefasst:

  • Vata: Die Elemente Luft und Raum werden zu Vata zusammengefasst.

  • Pitta: entspricht der Energie des Feuers.

  • Kapha: entspricht zusammengefasst der Energie von Wasser und Erde 

Die Merkmale der Doshas

  • Vata: Das Leichte, Gasförmige, Sich-Bewegende (Luft) sowie der Hohlraum (Äther)

  • Pitta: Energie und Wärme (Feuer)

  • Kapha: Das Flüssige und Befeuchtende (Wasser) sowie das Feste, Geformte und Schwere (Erde)

Interessant ist, dass Dosha übersetzt „Fehler“ oder „Makel“ bedeutet und somit etwas bezeichnet, das nicht ganz harmonisch funktioniert. Hinter jedem Dosha sind jedoch Kräfte wirksam, die Vitalität, Gesundheit und Harmonie fördern. Dosha bezeichnet also den Mangelzustand, wenn eine Ausprägung zu stark vorliegt. Sämtliche ayurvedische Herangehensweisen zielen darauf ab, dieses Ungleichgewicht zu beheben und einen Ausgleich zwischen diesen drei Doshas zu fördern. 

„Erschaffe ein Leben, das sich im Inneren gut anfühlt, nicht eines, das von außen gut aussieht.“

Buddha

Die Eigenschaften von Vata-Dosha

Vata bedeutet Wind und ist das primäre Dosha. Es erweckt die beiden anderen Doshas zum Leben. Vata besteht aus Raum und Luft und findet sich somit in folgenden Ausprägungen wieder:

  • Hohlräume des Körpers, der Hohlorgane, Gelenke und Knochen

  • Energie der Gedanken

  • Initiierung biologischer Vorgänge

  • Lenkt die Wahrnehmung (durch die fünf Sinnesorgane)

  • Verantwortlich für Empfindungen und Bewegungsabläufe (durch die fünf Tatorgane)

  • Fördert die Energieproduktion durch die Verdauung; der Sitz von Vata befindet sich physisch gesehen im Dickdarm

Welche Merkmale ein Mensch mit vorwiegend Vata-Konstitution aufweist, wie sich mögliche Störungen zeigen und welche Ernährung solchen Typen zuträglich ist, erfahren Sie in unserem Artikel „Welcher Ayurveda-Typ sind Sie?“.

Die Eigenschaften von Pitta-Dosha

Pitta steht körperlich wie psychisch für die Kraft (bildlich das Feuer) der Verdauung oder Verwandlung, es ist somit für unseren Stoffwechsel von zentraler Bedeutung. Es regelt unseren Wärme-/Energiehaushalt und gibt der ungerichteten Bewegung von Vata ein Ziel. Pitta spiegelt sich im Körper in Form von Säuren und Fetten wider. Die zentralen physischen Plätze befinden sich in der Leber, der Galle und dem Dünndarm. 

Wie sich Pitta in der Konstitution und den Charaktereigenschaften eines Menschen zeigen können, lesen Sie in unserem Artikel „Welcher Ayurveda-Typ sind Sie?“.

Die ayurvedische Medizin zielt darauf ab die drei Doshas auszugleichen.
Die ayurvedische Medizin zielt darauf ab die drei Doshas auszugleichen.

Die Eigenschaften von Kapha-Dosha

Kapha wird dem struktur- bzw. formgebenden Prinzip zugeordnet und ist demnach überall dort wirksam, wo Schleim oder eine zähe Flüssigkeit erzeugt wird oder eine Rolle spielt, wie zum Beispiel im Bindegewebe, der Gelenksschmiere oder im Blutplasma. 

Seinen physischen Platz hat Kapha vorwiegend dort, wo Schleim erzeugt wird, also vorwiegend in der Brust, im Hals und im Kopf, aber auch in der Bauchspeicheldrüse, in der Lymphe und im Fettgewebe. 

Kapha-Ausprägungen in der Persönlichkeit, Ausgleichsmöglichkeiten sowie Ernährungsempfehlungen erhalten Sie in unserem Artikel „Welcher Ayurveda-Typ sind Sie?“.

Wie Sie das individuelle ayurvedische Gleichgewicht leben können

In jedem Menschen spiegeln sich die drei Doshas in unterschiedlichem Ausmaß physisch und psychisch wider. Dieses Ausmaß ist so unterschiedlich wie die Menschen individuell sind. Diese Komplexität verdeutlicht die Herausforderung, die es für jeden Menschen bedeuten kann, in seinem individuellen Gleichgewicht zu leben. Jemand, der beispielsweise spontan ist und die Abwechslung sowie den persönlichen Freiraum liebt, würde zum Beispiel gut beraten sein, sich regelmäßig bewusst auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, mehr Achtsamkeit im Umgang mit den eigenen Ressourcen zu pflegen und sich bewusste Ruhephasen zu gönnen. Diese Verhaltensweisen würden diesen von Vata geprägten Typ ausgleichen. Jedoch ist im Alltag oft das Gegenteil zu beobachten, wo wir uns eher mit unseren Charaktereigenschaften identifizieren und dazu neigen, Verhaltens- oder Ernährungsänderungen (die uns eigentlich zuträglich wären) abzulehnen. 

Oder aber es wird das andere Extrem gelebt, in dem man nach der Erkenntnis, dass man etwas für seine individuelle Balance unternehmen sollte, ins Gegenteil kippt. So könnte ein Pitta betonter Mensch, der eine hohe Zielgerichtetheit an den Tag legt, seine Interessen auf viele verschiedene Dinge ausweiten, um mehr Leichtigkeit zu finden. Das könnte aber in einer Übertreibung ausarten, in der man sich schlussendlich verzettelt und nichts mehr zustande beziehungsweise zu Ende bringt.

Eine ayurvedische Behandlung sollte daher immer auch eine Art Coaching beinhalten, womit der Betroffene die Möglichkeit bekommt, seine persönlichen Eigenarten zu reflektieren, wodurch in ihm die Bereitschaft zur Veränderung erwachsen kann.

Tipps & Empfehlungen

In kostenlosen Online-Tests können Sie sich selbst bezüglich Ihrer individuellen Dosha-Konstitution besser kennenlernen: 

Einen praktischen Helfer, um Ayurveda ins moderne tägliche Leben zu integrieren, liefert der „Ayurveda for life Planer“ und das dazugehörige Buch „Ayurveda for life“ von Dr. Janna Scharfenberg.

Laura Krüger befasst sich hingegen in ihrem Buch „Ayurveda Ernährung für Berufstätige“ damit, wie es möglich ist, die traditionelle Lehre in einen modernen Alltag zu integrieren und damit in seinem individuellen Gleichgewicht zu leben. Das Buch ist in seiner ersten Auflage 2021 im riva Verlag erschienen.

Die App „Repure“ beinhaltet zahlreiche Beispiele, Übungen und tägliche, typgerechte Tipps, die dabei unterstützen, die ayurvedische Lebensweise im Alltag umzusetzen. Die App ist für iOs verfügbar. Eine Testversion kann für zwei Wochen kostenlos genutzt werden.

Außerdem empfehlenswert: Die Podcast-Folge von Dr. Janna Scharfenberg zu „Was ist Ayurveda“.

Der Österreichische Berufsverband für Ayurveda bietet darüber hinaus ein Berufsverzeichnis online an, mit dem Sie schnell Ihren persönlichen Ayurveda-Spezialisten in Ihrer Nähe finden können.

 


Quellen:

  • Krüger Laura, 2021, Ayurveda Ernährung für Berufstätige, 1. Auflage, riva Verlag München
  • Scharfenberg Janna, Dr., https://drjannascharfenberg.com/
  • Welsch Isabella, 2013, Yoga typgerecht – Die fünf Elemente in der Yoga-Praxis, maudrich Verlag, Wien 

Artikeleckdaten:

  • Artikelerstellung: 28.10.2020
  • 1. Update: 18.2.2021
  • Letztes Update: 4.5.2021

 

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