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04.02.2021

Homöopathie im Aufwind?

Text: Ursula Mitteregger

Homöopathie zählt zu den meist umstrittenen Bereichen alternativmedizinischer Maßnahmen. Zurecht? Wir haben herausgefunden, dass auch Homöopathie neu gedacht werden sollte.

Der Umsatz mit homöopathischen Arzneimitteln lag im Jahr 2018 in Deutschland bei rund 670 Millionen Euro.[1] Auch die Österreicher sind dieser alternativmedizinischen Behandlungsform nicht abgeneigt. Mehr als zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung soll schon einmal ein homöopathisches Mittel verwendet haben. Im Jahr 2017 lag der Umsatz hierzulande bei 43 Millionen Euro. Tendenz steigend.[2]

Ähnlichkeitsprinzip ist homöopathische Wirkbasis

Der Homöopathie macht sich die Tatsache zunutze, dass jeder Körper über Selbstheilungskräfte verfügt. Durch den Wirkmechanismus des sogenannten Ähnlichkeitsprinzips (auch „Simile-Regel“ genannt) sollen die Selbstheilungskräfte stimuliert werden. Es besagt grob, dass Ähnliches mit Ähnlichem behandelt werden kann und die Heilung fördert. Nach der Homöopathie sollen also Substanzen, die bei gesunden Menschen gewisse Symptome hervorrufen, genau diese bei kranken Menschen lindern können. Dazu werden die Mittel stark verdünnt, was in der Fachsprache auch potenziert genannt wird.

Meist sind es Einzelsubstanzen, wie zum Beispiel Arnica montana (Bergwohlverleih oder besser bekannt als Arnika), Hypericum perforatum (Johanniskraut) oder Belladonna (Tollkirsche). Es sind aber nicht nur frische Pflanzen, die in der Homöopathie Verwendung finden, auch Stoffe mineralischen Ursprungs, Tiere oder Teile von Tieren oder deren Absonderungen kommen zum Einsatz. Es werden zwar auch aus Medikamenten und Impfstoffen homöopathische Arzneien hergestellt, allerdings zählen diese nicht zur klassischen Homöopathie.

Homöopathie: Im Selbstversuch entwickelt

Die Homöopathie geht auf den deutschen Apotheker und Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) zurück, der die Behandlungsform Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hat. Er war gegen die medizinischen Verfahren der damaligen Zeit, die oft von giftigen Mitteln und fragwürdigen Behandlungsmethoden geprägt waren und dabei oft nur eine geringe Wirksamkeit, dafür aber viele Nebenwirkungen hatten. Ein Selbstversuch mit der Chinarinde brachte ihn schließlich auf die Grundidee der Homöopathie. Seine Erkenntnis „Similia similibus curentur“ („Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“) wurde zur Basis der Homöopathie. Das Wort setzt sich übrigens aus den Wörtern Homoion (für „ähnlich“) und Pathos (für „Leiden“) zusammen. Er untersuchte in Eigenversuchen und langen Versuchsreihen mit gesunden Menschen Hunderte von Substanzen.

Seit 1983 sind homöopathische Präparate in Österreich als Arzneimittel klassifiziert. Sie haben also den gleichen Status wie herkömmliche Medikamente, müssen aber keine klinischen Verfahren und Tests durchlaufen. Sobald ein Hersteller eines homöopathischen Präparats sein Produkt als wirksam gegen ein bestimmtes Leiden bezeichnet, ist lediglich eine Zulassung – jedoch keine klinischen Tests – notwendig. Heutzutage sind rund 2.500 homöopathische Arzneien bekannt und die Homöopathie eine eigenständige Therapieform. In Fachkreisen wird ein zunehmender Wunsch der Menschen nach homöopathischer Behandlung vernommen und so übernehmen auch einige Krankenkassen die Kosten dafür. Die Tatsache, dass jedoch stichhaltige wissenschaftliche Beweise über die Wirksamkeit der Homöopathie ausständig sind, setzt diese Behandlungsform immer wieder ins Kreuzverhör.

Ist Homöopathie pure Einbildung?

Schon der griechische Arzt Hippokrates (circa 460-370 vor Christus) wandte Methoden auf Basis des Placebo-Effekts an. Dieser besagt, dass Arzneien oder Methoden, die eigentlich keine Wirkstoffe beinhalten oder Wirkung hervorrufen können, aber dennoch nachweislich helfen. Erklären lässt sich das so: Der Patient – aber auch der Behandler selbst – haben eine bestimmte Erwartung an die jeweilige Arznei. Diese Erwartung setzt vielfältige psycho-physiologische Prozesse in Gang, die Beschwerden lindern oder sogar gänzlich kurieren können. Wie stark der Placebo-Effekt ausfällt, kann auch davon abhängig sein, wie überzeugt der Behandler selbst von der Arznei ist und wie sehr er seine Patienten umsorgt. Die positive Haltung kann sich auf den Patienten übertragen. Vertrauen und das Gefühl in guten Händen zu sein, kann den Placebo-Effekt zusätzlich verstärken.

Wissenschaftlich untersucht wurde der Effekt von Henry Beecher im Zweiten Weltkrieg. Er beobachtete, wie eine Krankenschwester einem verwundeten Soldaten lediglich eine Kochsalzlösung anstatt Morphium spritzte, da dieses knapp war. Dem Kranken ging es trotzdem besser, woraufhin Beecher diesen Effekt zu untersuchen begann.

Die Wirkung homöopathischer Arzneimittel wird oft auf den Placebo-Effekt reduziert. Ob eine Besserung auch ohne Verabreichung homöopathischer Substanzen möglich gewesen wäre, lässt sich im Nachhinein oft nicht eindeutig sagen. Ganz gleich, ob nun ein Arzneistoff oder lediglich der Placebo-Effekt gewirkt hat, bleibt die Frage offen, ob es nicht schlussendlich hinfällig ist, was  dem Patienten nun konkret geholfen hat, wenn es schlussendlich zu einer Besserung oder sogar Verschwinden der Beschwerden geführt hat?

Die Umsicht in der homöopathischen Behandlung

Homöopathie kann als Begleitmaßnahme zur Linderung von zahlreichen Beschwerden eingesetzt werden. Von großer Bedeutung ist dabei die Berücksichtigung des Menschen in der Gesamtheit von Körper, Geist und Seele. Kommt ein Patient in die Praxis, ist es einerseits wichtig, dass der behandelnde Arzt sämtliche schulmedizinischen Medikamente, die der Patient einnimmt – bei chronischen Leiden mitunter bereits über Jahrzehnte – beachtet.

Andererseits ist es für die Abstimmung der Arzneienzusammensetzung essenziell, den Zeitpunkt des Krankheitsgeschehens zu verstehen, an dem sich der Patient befindet. Welche Vorgeschichte hat er bereits? Wo steht er und wohin soll die Reise gehen? Auf Basis dessen wählt der erfahrene Homöopathie-Spezialist die Substanzen aus und gibt einen Ausblick über den zu erwartenden Behandlungsverlauf, der der sogenannten Heringschen Regel folgt. Die Heilung einer Krankheit erfolgt demnach von innen nach außen oder von oben nach unten. Schwerwiegende Symptome werden von weniger schwerwiegenden abgelöst. Schlussendlich sollen die Symptome in umgekehrter Reihenfolge ihres Auftretends wieder verschwinden. 

YOLO empfiehlt die Homöopathie 2.0

Über die eigentliche Wirkung der Homöopathie scheiden sich die Geister – und bis es keine hieb- und stichfesten wissenschaftlichen Beweise für die Wirkung von homöopathischen Mitteln gibt, wird dies wohl noch so bleiben. Wir sind aber der Meinung, dass es im Grunde gar nicht wichtig ist, was nun der ausschlaggebende Faktor zur Besserung eines Gesundheitszustandes ist, wenn die wesentliche Prämisse erfüllt ist, nämlich dass er sich bessert!

Oberstes Gebot sollte immer die Gesundheit des Menschen sein und um diese zu fördern gibt es zahlreiche wirksame Möglichkeiten, Methoden und Maßnahmen. Natürlich ist eine Grunduntersuchung schulmedizinischer Natur immer ratsam, aber ganz gleich ob schulmedizinische oder alternative Heilmethoden, wichtig ist, dass alle Ansätze stets Hand in Hand gehen, um eine ganzheitliche Genesung und langfristige Gesunderhaltung des Menschen überhaupt erst zu ermöglichen. Das eine (die Schulmedizin) darf das andere (die Alternativmedizin) nicht ausschließen und umgekehrt, wenn im Sinne der Gesunderhaltung gehandelt wird, sondern muss schlichtweg immer als wichtige Ergänzung mit einbezogen werden.

Buchempfehlungen

Einen guten Überblick über homöopathische Arzneien und ihre Wirkungsweisen liefern folgende Bücher:

  • Majhenic Elisabeth, Wirkungsvolle homöopathische Arzneien - Leitfaden zur Selbstanwendung, 1. Auflage 2020, BUCHER Verlag
  • Sheehy Clodagh, Heywood Jones Svetlana Pavlova, Schnelle Hilfe mit Homöopathie, Homöopathische Hausapotheke für Erste Hilfe und häufige Beschwerden, 1. Deutsche Auflage 2020, Narayana Verlag GmbH, Kandern

Fußnoten:

[2] Vgl. Meyer Dennis, Küntzle Timo, 30.1.2020, Zwischen Glauben und Wissenschaft, Abfrage vom 4.2.2021, 11:39 Uhr

 


Quellen:


 

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