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04.03.2021

Lebensenergie Qi: Alles im Fluss?

Text: Verena Radlinger

Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und deren Therapien bildet die fließende Lebensenergie Qi. Ziel ist immer, sie in seinen natürlichen, ausgeglichenen Zustand zu bringen. Doch gibt es das Qi wirklich?

Übersetzt bedeutet das chinesische Schriftzeichen für Qi „Dampf über dem Reistopf“. Diese doch etwas unorthodoxe Übersetzung hat aber einen Sinn. In der TCM wird das Qi nämlich unter anderem als „Atem des Himmels“ bezeichnet, weil es alles begleiten soll, einschließlich allem was existiert und geschieht. Deswegen sei ohne dem Qi ein Leben nicht möglich und damit auch kein Universum. Fließen soll es auf speziellen Leitbahnen durch unseren Körper, den sogenannten Meridianen.

Zurück zum dampfenden Reistopf. Nach Ansicht der TCM finden sich zum einen die kleinsten Wassertropfen, die das Yin darstellen und die Basis für den aufsteigenden Dampf sind. Zum anderen steigt mit dem Dampf auch Wärme, Bewegung und Energie auf, das Yang. Aus dieser Verbindung entsteht das Qi. Ist das Verhältnis der beiden zueinander ausgeglichen ist es auch der Qi-Fluss im Körper. Fließt es aber zu schnell oder zu langsam beziehungsweise besteht eine Blockade, soll das negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. Eine Möglichkeit den Ausgleich zu stärken ist übrigens die Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform Qigong

Das kann ein gestörter Qi-Fluss auslösen

  • Ein Qi-Mangel oder auch Qi-Leere zeigt sich meist in Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder genereller körperlicher Schwäche. Dazu muss aber nicht der gesamte Qi-Fluss gestört sein, sondern auch nur ein einzelner Funktionskreis. Zum Beispiel hat jedes Organ seinen eigenen Funktionskreis.

  • Ist der Qi-Fluss gestört, spricht man auch von einer Qi-Stagnation. Das zeigt sich häufig in Muskelkrämpfen oder Verspannung. Ausgeglichen kann es beispielsweise mit mehr Bewegung werden.

  • Beim gegenläufigen Qi fließt das Qi in eine falsche Richtung und kann sich in Übelkeit, Erbrechen oder auch Husten zeigen. 

Woher das Qi kommt?

Die Idee, dass das Qi durch den gesamten Körper fließt, ist ein wesentlicher Teil des Weltbildes des Daoismus. Auch heutzutage ist diese sehr alte Vorstellung heute noch von großer Bedeutung. Dabei wird auch kein Widerspruch zu Naturwissenschaften gesehen, sondern eher eine Erweiterung dieser. Man spricht daher auch von komplementärer Medizin. Die Schulmedizin betrachtet leider heute noch sehr oft physische und körperliche Gesundheitsprobleme einzeln. Doch die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche sollten Sie man auf keinen Fall unterschätzen und sogar unbedingt für sich selbst nutzen.

In der TCM werden jegliche Beschwerden, Gesundheitsprobleme oder die Ursachen dieser, sollten sie schon bekannt sein, zusammengefügt und auch alle individuellen Eigenschaften des Betroffenen miteinbezogen. Durch diese ganzheitliche Beobachtung soll das sogenannte „Muster der Disharmonie“ ersichtlich werden. Um damit das Grundproblem zu identifizieren und in Folge die richtige Therapie oder Behandlung wählen zu können. 

Das macht das Qi

Das Modell der traditionellen chinesischen Medizin geht davon aus, dass der menschliche Körper im Inneren Funktionskreise beziehungsweise verschiedene „Elemente“ aufweist, die mit einem Energiefluss korrespondieren. Dieser soll teilweise an der Körperoberfläche oder leicht darunter verlaufen. Mehr zu den Grundprinzipien der TCM lesen Sie in unserem Artikel Traditionelle Chinesische Medizin auf den Punkt gebracht.

Zu den vielfältigen Aufgaben des Qi in unserem Körper gehört zum Beispiel die Regulierung der Wärme im Körper, die für unsere Verdauung und zahlreiche andere Prozesse notwendig ist. Wie schon beschrieben steht Wärme nämlich auch für Energie und Bewegung. Außerdem soll der Hormonhaushalt beeinflusst werden, sämtliche körperliche Aktivitäten, wie generelle Bewegungen des Körpers, aber auch die Transformation von Nahrung und deren Weiterleitung begleitet werden. In der TCM besitzen zusätzlich alle Nahrungsmittel ein individuelles Qi, dieses bestimmt, ob sie bitter oder kühl, süß, scharf oder sauer sind.

Qi in der Traditionellen Chinesischen Medizin

Das Grundprinzip jeder traditionellen Behandlung beziehungsweise Therapieform, ist das Ziel das Gleichgewicht des Qi wieder herzustellen. Denn jedes gesundheitliche Problem soll eine Störung des harmonischen Flusses sein. Um diese Balance zu schützen, findet es sich auch schon in der Prophylaxe (Vorbeugung) wieder, also schon bevor sie sich in physischen oder psychischen Problemen im Außen zeigen.

Als innere, „schädigende“ Faktoren werden unsere Emotionen bezeichnet, die wiederum in Beziehung zu den inneren Organen und deren Funktionskreisen stehen. Auch hier wird die Wichtigkeit der Verbindung von Körper und Seele und die ganzheitlichen Ansichten in der TCM sichtbar. Eine konkrete Definition für das Qi oder den Qi-Fluss gibt es aber nicht, einige Experten vermeiden daher auch den Begriff „Lebensenergie“. Prinzipiell geht die TCM davon aus, dass es zwei wesentliche Quellen gibt:

  1. Vorgeburtliches Qi oder auch Ursprungs-Qi, erhalten wir schon bei der Zeugung durch unsere Eltern. Denn der Theorie nach hat jeder Mensch in sich Qi für etwa 100 bis 120 Lebensjahre. Wie viele er davon „verbraucht“, wie viele Jahre er also lebt, basiert auf der Dauer des ausgeglichenen Qi-Flusses während seines Lebens.

  2. Nachgeburtliches Qi können wir täglich aus unserer Nahrung, Atmung, Schlaf und Sonnenlicht gewinnen beziehungsweise erneuern. Aber auch Tai-Chi, Qi Gong, Yoga und Meditation sind in der Lage Qi zu erzeugen. 

5 Tipps für ein ausgeglichenes Qi

Die Lehren über unser inneres Qi mögen abstrakt klingen, doch die Geschichte hat gezeigt, dass viele Menschen daraus Ihre Energie, Stärke und Wohlbefinden ziehen. YOLO begleitet Sie, wie immer, auf Ihrem Weg und verrät Ihnen nicht nur die Tipps und Tricks, sondern zeigt auch woher Sie kommen:

  1. Es mag oft schwierig sein, aber übermäßiges Grübeln, Sorge oder gar Angst und Wut können das Qi schwächen. Schenken Sie Ihrer Psyche mehr Achtsamkeit und Auszeiten. Zum Beispiel mit Entspannungsübungen.

  2. Das Qi braucht Kraft und Energie um zu fließen. Hungerkuren oder einseitige Ernährung sind daher ungünstig. Auch Diäten können das Qi stören und haben meist auch nur einen kurzzeitigen Effekt. Versuchen Sie sich für das Essen Zeit zu nehmen, zu genießen und sich eine Pause zu gönnen.

  3. Mit dem Prinzip „Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König und Abendessen wie ein Bettler“ kräftigt man das Qi für den Tag und lässt es am Abend ruhen. Diese Ruhezeiten und eine gesunde Ernährung sind ebenso wichtig für unsere Verdauung, speziell für unseren Darm.

  4. Denn das Qi braucht, wie der Körper auch, Zeit sich im Schlaf zu regenerieren und sich „auszuruhen“. Um Ihrem Qi im Alltag ein bisschen Ruhe zu gönnen, können Sie auch auf Meditationen setzen - denn oftmals liegt die "Kraft in der Stille".

  5. Mit regelmäßiger Bewegung unterstützen wir den Qi-Fluss, aber man sollte sich dabei nicht überanstrengen, dazu gehört auch die körperliche Arbeit. Was Bewegung generell mit unserem Körper macht? Erfahren Sie bei uns, welche Vorgänge durch Bewegung in Gang kommen.

Das Qi im Yoga: Prana aktivieren und harmonisieren

In den fernöstlichen Lehren spielt die Lebensenergie eine zentrale Rolle. Wird es in China „Qi“ genannt, heißt es „Ki“ in Japan, beziehungsweise dem tibetischen Lung, oder „Prana“ im Hinduismus und in der alt-indischen Lehre des Yoga. Es kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Lebensatem beziehungsweise Lebenshauch. Es ist das, was Lebewesen das Leben einhaucht und letztlich alles mit allem verbindet. Denn es steht auch für den unerschöpflichen Kraftstrom des Universums, den wir durch jeden unserer Atemzüge in uns aufnehmen. Sicherlich kennen Sie es, wenn Ihnen ein Ort oder eine Person Energie raubt – und im Gegenzug aber auch Energie geben kann. Das geschieht genau aus diesem Grund, weil Prana unterschiedlich aufgeladen sein kann und dementsprechend auch aufladend oder energieraubend auf uns wirken kann.

Wie auch in der TCM fließt Prana durch unsere rund 72.000 Energiekanäle, die aber im Yoga nicht Meridiane, sondern Nadis genannt werden.

Es gibt fünf äußere Quellen, über die wir Prana aufnehmen können:

  1. Erde (Prithivi) beziehungweise über unsere Nahrung
  2. Wasser (Apas) und somit über unsere Flüssigkeitszufuhr
  3. Feuer (Tejas) beziehungsweise Sonnenenergie
  4. Luft (Vayu), die wir atmen, und
  5. Äther (Akasha), was gleichzusetzen ist mit der vorhin angesprochenen Kraft respektive Energie, die von anderen Menschen oder von Kraftorten kommen.

Das sind aber nicht die einzigen Möglichkeiten, unsere Lebensenergie zu stärken. Ebenso können wir uns durch verschiedene Techniken, wie zum Beispiel Meditation, welche ein Gefühl der Verbundenheit in uns auslöst, auftanken. Auch von Herzen kommende Liebe und Schlaf stärken unsere Lebensenergie.

Je mehr Prana unser Körper zur Verfügung hat, also je aufgeladener er ist, desto leistungsfähiger sind wir geistig und körperlich und desto resilienter sind wir auf emotionaler Ebene. Auch unsere Selbstheilungskräfte sind stärker.

Im Yoga wird Prana vor allem durch Pranayama (Atemübungen), Asanas (Körperübungen) und Meditation gestärkt beziehungsweise harmonisiert. Denn der Ausgleich der Energien steht sowohl in der TCM als auch im Yoga im Vordergrund. Was „Yoga“ konkret bedeutet und worauf es dabei – neben dem Ausgleich – noch ankommt, lesen Sie hier.

Eine gute Atemübung, um wieder mehr Ausgeglichenheit und innere Ruhe zu erfahren, ist die tiefe Bauchatmung. Sie wird auch Zwerchfellatmung genannt. Sie entspannt die Atemwegsorgane, Bauchmuskeln und wirkt ausgleichend auf unser gesamtes Gemüt. Wir finden dadurch zu einer natürlich tiefen Atmung zurück. Sie entspannt uns einerseits, gibt uns andererseits dadurch aber auch wieder (mehr) Energie.

Die Rückenlage mit aufgestellten Beinen und den Händen auf dem Bauch eignet sich sehr gut, um die tiefe Bauchatmung (wieder) zu erlernen.
Die Rückenlage mit aufgestellten Beinen und den Händen auf dem Bauch eignet sich sehr gut, um die tiefe Bauchatmung (wieder) zu erlernen.

So führen Sie die tiefe Bauchatmung richtig durch

Sie können die Übung im Stehen, Sitzen oder Liegen ausführen, wobei für Einsteiger die liegende Variante die einfachste ist, die Technik (wieder) zu erlernen.

  1. Legen Sie sich hin und entspannen sie sich. Stellen Sie die Beine auf, sodass Ihre Körpermitte ganz entspannt sein kann. Legen Sie die Hände auf Ihren Bauch.
  2. Atmen Sie nun bewusst in den Bauch ein und spüren Sie, wie sich Ihre Bauchdecke mit der Einatmung hebt und mit der Ausatmung wieder senkt. Einatmen die der Bauch hebt sich – und ausatmen der Bauch senkt sich.
  3. Nehmen Sie fünf tiefe Atemzüge und spüren Sie, wie Sie durch diese tiefe Atmung nicht nur mehr Luft sondern auch Energie in sich aufnehmen.
  4. Wenn Sie die Übung ausweiten möchten, atmen Sie weiterhin tief in den Bauch hinein. Nehmen Sie dabei bewusst neue Energie in sich auf. Mit der Ausatmung spüren Sie, wie sich die Energie in Ihrem gesamten Körper verteilt und Sie nach und nach nicht nur entspannt, sondern auch mit neuer Kraft erfüllt. Nehmen Sie zumindest fünf weitere tiefe Atemzüge auf diese Weise und genießen Sie die ausgleichende Wirkung.

Yoga verbessert aber nicht nur unsere Atmung, sondern hat auf uns ganzheitlich positive Auswirkungen. Wie Körper, Geist und Seele davon profitieren, erfahren Sie in unserem Artikel „Rundum gesund mit Yoga: Ist das möglich?“.

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