Gruppe von jungen  Menschen macht Tai-Chi im Park
10.03.2021

Mit Tai-Chi zur inneren Mitte

Text: Verena Radlinger

Körperspannung, Atmung und Achtsamkeit stehen bei der jahrhunderte alten Bewegungsform Tai-Chi im Fokus. Wir erklären, wie Tai-Chi funktioniert und wofür es überhaupt gut ist.

Wie in Zeitlupe bewegt sich eine Gruppe älterer Menschen im Park – Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um Tai-Chi oder auch als Tàijí bekannt. Eine allgemeine Definition für die Bewegungslehre gibt es nicht. Tai-Chi bedeutet aus dem chinesischen übersetzt „das sehr große Äußerste, die großen Gegensätze“. Sinngemäß heißt das wiederum „Der Ursprung des Kosmos“ und ist deshalb auch eine gesamte Lebensphilosophie. Der Begriff per se kommt aus dem Daoismus und Konfuzianismus. In den klassischen Schriften Chinas wird auch der Polarstern – gleichsam als Dreh- und Angelpunkt des Himmels – als Tàijí bezeichnet.

In der westlichen Welt wird der Begriff fälschlicherweise oft als Kurzform für die Kampfkunst Tàijíquán verwendet. Auch dieses Übungssystem basiert auf dem Einswerden mit der Harmonie des Tàijí. Als Kampfkunst bedient es sich dieser Erkenntnisse und als Formübung ist die Grundlage der bewegungsmeditative Ansatz. Oft wird es auch als „Schattenboxen“ bezeichnet.

Der Ursprung von Tai-Chi

Der Legende nach geht die Kampfkunst auf ein Erlebnis des taoistischen Mönchs Zhang Sangfen zurück: Er beobachtete in den Wudang-Bergen den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich. Die Schlange wich immer wieder geschickt aus, bis der eigentlich stärkere Kranich erschöpft aufgeben musste. Diese Elemente der Weichheit, Biegsamkeit und Nachgiebigkeit finden sich immer wieder im Tai-Chi. Daraus resultiert auch, dass der Fokus nicht auf Kraft- oder Schnelligkeitsübungen liegt, sondern darauf, Bewegungen möglichst leichtfüßig und mit einem Minimum an Kraftaufwand durchzuführen.

Tai-Chi sorgt für mehr Energie

Es geht also nicht oder kaum um Schnelligkeits- oder Abhärtungsübungen. Man könnte sagen: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Die Bewegungen werden langsam und in fließenden Abfolgen ausgeführt und gliedern sich in „Formen“. Konkret heißt das: Es gibt eine Reihe von choreografierten Bewegungen, die in kurzer Abfolge mehrere Minuten lang ausgeführt werden. Beim Tai-Chi geht es um Koordination und weiche, fließende Bewegungen, um die innere Balance wiederzufinden – die Lebensenergie Qi spielt hier eine wichtige Rolle.

Im Mittelpunkt stehen Körperspannung, Atmung und Achtsamkeit. Bei der Körperspannung kommt es darauf an, dass nur die Muskeln angespannt werden, die für eine bestimmte Form oder Bewegung benötigt werden. Alle anderen bleiben entspannt. Essenziell bei der Atmung ist das Erlernen der Bauchatmung. Dadurch wird bewerkstelligt, dass die Atmung natürlich, tief und langsam fließen kann. In Folge werden alle Körperregionen gut mit Sauerstoff versorgt.

Die Achtsamkeit ist generell der wohl wichtigste Aspekt, um innere Ruhe zu finden. Deswegen werden die Bewegungen im Tai-Chi immer bewusst und langsam ausgeführt. Der Fokus liegt auf der Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner Verbindung zur Umwelt. Unsere Umwelt wird immer lauter und schneller, deshalb sollten wir generell wieder ein bisschen mehr Ruhe und Stille in unseren Alltag bringen. Mit Meditation können Sie in der Stille hervorragend Kraft tanken.

Grundprinzipien der Tai-Chi Übungen

  • Der Kopf ist entspannt aufgerichtet.
  • Das Brustbein ist gehoben, der Rücken ist gerade.
  • Die Taille wird locker gelassen.
  • Das Gewicht soll gut verteilt sein.
  • Schultern und Ellenbogen hängen nach unten.
  • Bei jeder Übung zählt die Intention (Yi), nicht die Kraft (Li).
  • Die Koordination von oben und unten soll hergestellt werden.
  • Die Harmonie zwischen Innen und Außen muss beachtet werden.
  • Die Bewegungen sollen immer fließen.
  • In der Bewegung soll man ruhig bleiben.

Unterschied zwischen Tai-Chi und Qigong

Vielleicht haben Sie schon unseren Artikel über Qigong gelesen. Diese Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform könnte man als Oberbegriff für eine sehr große Anzahl an einzelnen Atemübungen bezeichnen. Dabei werden die Übungen meist im Stehen ausgeführt, aber manchmal auch im Sitzen oder Liegen. Die einzelnen Bewegungsabläufe werden dabei mehrmals wiederholt. Jede Übung hat dabei einen Yin- und einen Yang-Aspekt und ist damit auch stark mit der Traditionellen Chinesischen Medizin verbunden. 

Tai-Chi basiert auf einem vielfältigen und vor allem umfangreichen Kampfkunstsystem, welches aus Meditation, bestimmten Tai-Chi Formen, Partnerübungen und auch aus bewegtem Qigong besteht. Die Handform, eine Folge von langsam ausgeführten Bewegungen, die fließend ineinander übergehen und sich zu einem scheinbar unendlichen Fluss von Bewegungen verbinden, ist das zentrale Element des Tai-Chi.

Die Grundlagen der gesundheitlichen Wirkung von Tai-Chi und Qigong sind mittlerweile auf den gleichen Prinzipien aufgebaut. Das Ziel beider Systeme ist immer die Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit.

Warum Sie Tai-Chi ausprobieren sollten

Tai-Chi wirkt entspannend und stärkend zugleich

Heute wird Tai-Chi vor allem als Bewegungslehre betrachtet, wobei es ursprünglich zur Selbstverteidigung entwickelt wurde. Sie soll nicht nur die Gesundheit fördern beziehungsweise erhalten, sondern auch auf die Persönlichkeitsentwicklung Einfluss nehmen und die Kunst der Meditation „lehren“. Mit den Übungen wird vor allem auch die Haltemuskulatur gestärkt und in Folge die Wirbelsäule entlastet. Dadurch können etwaige Haltungsfehler korrigiert, Muskelverkrampfungen gelöst und die gesamte Beweglichkeit erhöht werden. Zusätzlich tut uns Bewegung generell gut und löst zahlreiche positive Vorgänge in uns aus.

Tai-Chi ist alltagstauglich

Natürlich nicht gleich auf Anhieb, aber Tai-Chi kann sehr gut zu Hause und zwischendurch praktiziert werden. Nach Erlernen von (zumindest einigen) der mehr als hundert Übungsformen, die sich je nach Stil in ihrem Aufbau und Ablauf unterscheiden, sollte ungefähr drei bis vier-mal pro Woche geübt werden. Der große Vorteil ist, dass die Dauer der Übungseinheit zwischen 15 bis 40 Minuten variiert werden kann. Dabei können Sie entscheiden, welchen Stil Sie an diesem Tag wählen möchten. Denn jede dieser Übungen hat einen bestimmten Fokus, zum Beispiel auf die Gesundheit, Selbstverteidigung oder Meditation.

Booster für mentale Stärke

Durch die meditativen Aspekte unterstützt Tai-Chi bestens unsere Psyche. So profitiert nicht nur der Körper, sondern auch die mentale Stärke und verhilft den Praktizierenden damit zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Der Fokus liegt ganz klar auf der richtigen Ausführung der Übungen und dem Ausbalancieren des Zusammenspiels von Körper und Geist. Auch Yoga ist ein hervorragender Weg zu mehr Balance und zu sich selbst zu finden.

Tai-Chi ist für jeden geeignet

Ein sehr großer Vorteil von Tai-Chi, aber auch Qigong, ist: Auch Anfänger können nichts falsch machen. Da die Übungen langsam ausgeführt werden, gibt es auch kein Verletzungsrisiko. Auf dem YouTube Kanal des Tai Chi Zentrums Koblenz gibt es zahlreiche Videos für Einsteiger und wertvolle Hintergrundinformationen. Es gilt also: „Ausprobieren!”

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