Frau steht bei einem großen lila Blütenstrauch und sieht entspannt aus
01.04.2021

Natural Tranquilizer:
Der natürliche Weg zur Entspannung

Text: Verena Radlinger

Sie sind tagsüber unruhig oder können abends nicht einschlafen? Bevor Sie zu synthetischen Entspannungshelfern greifen, versuchen Sie es doch mal mit pflanzlichen Beruhigungsmitteln. Auch diese können sehr wirkungsvoll sein.

Natural Tranquilizer, oder natürliche Beruhigungsmittel genannt, erfreuen sich großer Beliebtheit und stellen eine gute Alternative bei Ein- und Durchschlafproblemen, Unruhe oder Nervosität dar. Mehrere Heilpflanzen werden in erster Linie zur Behandlung von leicht bis mäßig ausgeprägten Beschwerden angewendet. Vorzugsweise sind es Wirkstoffe, die keinen Einfluss auf die Tagesbefindlichkeit und den natürlichen Schlafverlauf der betroffenen Personen haben.

Die allgemein gute Verträglichkeit und die geringeren Arzneimittelinteraktionen sind die wesentlichen Vorteile der natürlichen Beruhigungsmittel. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sie nicht abhängig machen. Dadurch wirken sie aber auch nicht sofort und viele Betroffene brechen deshalb die Anwendung zu früh ab. Wir zeigen Ihnen, welche Pflanzen zur Beruhigung und Entspannung eingesetzt werden können und das, wie immer, ganzheitlich mit wissenschaftlich fundierten Fakten.

Beruhigung durch Pflanzenkraft: Baldrian wirkt schlaffördernd

Schon Hippokrates wusste, dass Baldrian bei Schlafstörungen beruhigende und schlaffördernde Wirkung bietet. In der Volksmedizin wenden die Menschen den Baldrian (Valeriana officinalis) seit dem 18. Jahrhundert bei Symptomen wie Schlaflosigkeit, Stress, Reizbarkeit und Angstzuständen zur Beruhigung und Entspannung an. Baldrian wirkt sanft und behutsam, berührt die Tagesverfassung nicht und hat keine oder nur kaum Nebenwirkungen. Einzig Magenbeschwerden bei einer übermäßigen Empfindlichkeit und vorübergehende, harmlose Hautreaktionen werden beschrieben.

Die Pflanze selbst wächst als Kraut oder Strauch und hat weiße oder rosa Blüten. Verarbeitet wird die Wurzel, die sich an ihrem charakteristischen, unangenehmen Geruch gut erkennen lässt. Sie ist außerdem die am besten untersuchte Arzneipflanze, denn ihre Wirksamkeit bei leichter nervöser Unruhe und Schlafstörungen ist durch zahlreiche Studien belegt. Die ersehnte Wirkung tritt einerseits bereits kurz nach der Anwendung ein, andererseits intensiviert eine regelmäßige Einnahme über mehrere Tage die Wirkung.

Zu den relevanten Inhaltsstoffen zählen neben dem ätherischen Öl außerdem die sogenannten Valepotriate und Lignane. Baldrian-Extrakt erhöht die Ausschüttung von GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und moduliert den GABAA-Rezeptor, sodass die Wirkung des Neurotransmitters verstärkt wird. Außerdem binden die enthaltenen Lignane an die A1-Rezeptoren für Adenosin im Gehirn. Adonesin blockiert die Ausschüttung von allen belebenden und aktivierenden Botenstoffen. Dadurch wird die schlaffördernde Wirkung noch verstärkt.

Hopfen als natürliches Beruhigungsmittel bei Unruhe und Einschlafproblemen

Noch bevor Hopfen ein Bestandteil von Bier wurde, schätzte man ihn als Heilpflanze: Denn er wird schon seit Jahrhunderten für seine beruhigende und schlaffördernde Wirkung geschätzt. Die Hopfenzapfen (Lupuli strobulus) enthalten Bitterstoffe, ätherisches Öl und Flavonoide. Dieser „Natural Tranquilizer“ wird traditionell bei nervöser Unruhe und Einschlafstörungen verwendet und ist in zahlreichen Kombinationspräparaten, wie zum Beispiel zusammen mit Baldrian, Melisse oder Passionsblume, enthalten. Hopfen enthält unter anderem die Bitterstoffe Humulon und Lupulon, außerdem ätherische Öle und Flavonoide.

In einer Pilotstudie konnte die positive Wirkung von Hopfen auf die menschliche Psyche nachgewiesen werden. Probanden, die über vier Wochen täglich getrockneten Hopfenextrakt zu sich nahmen, berichteten von geminderten Angstzuständen sowie einem niedrigeren Stresslevel im Vergleich zur Vergleichsgruppe. Allerdings konnte keine konkrete wirksamkeitsbestimmende Substanz identifiziert werden. In weiteren Studien konnten für Hopfen auch antibakterielle, antimykotische (gegen Pilze) appetitanregende, magensaftanregende, krampflösende und östrogenähnliche Eigenschaften nachgewiesen werden. Nebenwirkungen wurden noch nie beobachtet.

Melisse: Pflanzliche Entspannung für Magen und Psyche

Die Melisse (Melissa officinalis) heißt wegen ihres charakteristischen Duftes auch Zitronenmelisse. Für den Geruch ist das enthaltene ätherische Öl verantwortlich. Es wirkt beruhigend und angstlösend, kann aber auch Verdauungsbeschwerden lindern, wie zum Beispiel Völlegefühl, Blähungen oder Verstopfung. Es setzt sich unter anderem aus den Substanzen Citral, Geranial, Neral und Citronellal zusammen. Diese Stoffe sind erzeugen den zitronenartigen Geruch. Daneben kommen beta-Caryophyllen und sogenannte Lamiaceengerbstoffe wie Rosmarinsäure und Kaffeesäure vor.

Arzneilich wirksam ist das enthaltene ätherische Öl, welches im Körper gleich mehrere Effekte entfaltet. Es wirkt leicht beruhigend sowie angstlösend und unterstützt dadurch auch das Einschlafen. Wie auch der Hopfen kommt Melisse ebenfalls häufig in Kombination mit Hopfen, Baldrian, Passionsblume oder Lavendel zum Einsatz. Die beruhigende Wirkung erstreckt sich bis in den Magen-Darm-Trakt und entspannt dort die Muskulatur (spasmolytische Wirkung). Ein großer Vorteil, wenn Ihnen „Stress auf den Magen schlägt“. Die volle Wirkung stellt sich in der Regel erst nach ein- bis zweiwöchiger regelmäßiger Anwendung ein.

Passionsblume: Natürliche Unterstützung bei Schlaflosigkeit und Angst

Passionsblumenkraut (Passiflorae herba) wird traditionell zur Entspannung und bei Einschlafstörungen angewandt. In vielen Studien konnte außerdem eine angstlösende Wirkung nachgewiesen werden. Besonders beliebt ist die Passionsblume auch in den Wechseljahren, weil sie einige pflanzliche Hormone enthält, die Wechseljahrsbeschwerden lindern können.

Zugleich treten, anders als bei vielen Psychopharmaka, keine muskelentspannenden Effekte auf. Das macht die Passionsblume zu einem Beruhigungsmittel, das sich besonders tagsüber gut einsetzen lässt. Es beeinträchtigt den Betroffenen nicht in seiner „Alltagstauglichkeit“. Zur Herstellung des Mittels werden zur Blütezeit die krautigen Triebe mit den Blüten gesammelt und schonend getrocknet. Der Wirkmechanismus funktioniert im Prinzip wie bei Baldrian. Der Extrakt in den Flavonoiden moduliert den GABAA-Rezeptor, wodurch die Wiederaufnahme gehemmt wird.

Bezüglich der Nebenwirkungen gilt die Passionsblume im Allgemeinen als sicher. Selten sind allergische Reaktionen oder Schläfrigkeit beschrieben worden. Zu möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ist bis dato wenig bekannt. Möglicherweise kann die gleichzeitige Einnahme von Passionsblume und blutdrucksenkenden oder beruhigend wirkenden Medikamenten zu verstärkten Effekten führen. Eine Beratung durch den Arzt oder Apotheker ist bei Einnahme solcher Medikamente empfehlenswert.

YOLO FAZIT – Pflanzliche Beruhigungsmittel sind nützlich

Zwar vermag die Wirkung von pflanzlichen Beruhigungsmitteln erst später als bei herkömmlichen Arzneimitteln eintreten, sie stellen aber dennoch eine gute Alternative dar. Das gilt insbesondere für Kombinationspräparate, die aus vielen Komponenten bestehen, weil hier der Wirkstoffgehalt der einzelnen Zutaten sehr gering ist. Im Gegensatz zu starken Sedativa oder Antidepressiva kommt es bei Phytopharmaka zu keinen Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit. Sie führen nicht zu Gewöhnung oder Abhängigkeit und sind bei großer therapeutischer Breite nebenwirkungsarm oder sogar nebenwirkungsfrei. Auch wenn noch nicht alle wirksamen Komponenten mit Sicherheit identifiziert sind, so gibt es Daten zu ihrer positiven Wirkung bei Ein- und Durchschlafstörungen, Stress und Nervosität. Die Kraft der Natur zu nutzen zahlt sich also definitiv aus.


Quellen:

Baldrian:

Hopfen:

Melisse:

Passionsblume:

 


 

Wissenwertes für Sie

Mit Tai-Chi zur inneren Mitte

Körperspannung, Atmung und Achtsamkeit stehen bei der jahrhunderte alten Bewegungsform Tai-Chi im Fokus. Wir erklären, wie Tai-Chi funktioniert und wofür es überhaupt gut ist.

Lebensenergie Qi: Alles im Fluss?

Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und deren Therapien bildet die fließende Lebensenergie Qi. Ziel ist immer, sie in seinen natürlichen, ausgeglichenen Zustand zu bringen. Doch gibt es das Qi wirklich?

Homöopathie im Aufwind?

Homöopathie zählt zu den meist umstrittenen Bereichen komplementärmedizinischer Maßnahmen. Zurecht? Wir haben herausgefunden, dass auch Homöopathie neu gedacht werden sollte.