Verschiedene getrocknete Kräuter in kleinen Schüsseln stehen rund um eine Waage. Darunter liegt ein Blatt Papier mit chinesischen Schriftzeichen
14.01.2021

Traditionelle Chinesische Medizin
auf den Punkt gebracht

Text: Verena Radlinger

YOLO beleuchtet in einer neuen Serie die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ganzheitlich und in all ihren Facetten. In der ersten Folge klären wir auf, woher sie eigentlich kommt, welche Bereiche dazu zählen und wie sie funktioniert.

Mittlerweile ist die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) auch in unseren Breitengraden sehr populär geworden. Selbst die Schulmedizin setzt in vielen Bereichen auf die ganzheitliche Heilkunst aus China. Einige Experten schätzen, dass sie vor mehr als 2.000 Jahren entstanden ist, manche sprechen gar von mehr als 6.000 Jahren.

In den westlichen Ländern wird die TCM in erster Linie als Ergänzung einer schulmedizinischen Behandlung, zur Gesundheitsprävention oder zur Unterstützung bei chronischen Erkrankungen genutzt. Hier besonders um negative Begleiterscheinungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten zu vermindern. Eine TCM-Behandlung hat immer die Erhaltung oder Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts zum Ziel. Denn sie geht davon aus, dass Befindlichkeitsstörungen, Krankheiten und jegliche Art von Beschwerden dadurch ausgelöst werden. Vereinfacht gesagt: Entstehen energetische Ungleichgewichte, wird man krank.“

Die Basis der TCM sind philosophische Lehren, die teilweise sogar auf Konfuzius zurückgehen. In diesen wird beschrieben, dass die Fünf-Elemente-Lehre, Yin und Yang oder die Lebensenergie Qi die gesamte Natur beherrschen und folglich auch den menschlichen Organismus. Mehr zu Yin und Yang erfahren Sie übrigens in unserem Artikel Meditation: So tanken Sie in der Stille Kraft.

Mit verschiedenen Behandlungsverfahren wird versucht die inneren Kräfte auszugleichen und die Harmonie wiederherzustellen. Ein wichtiger Grundpfeiler ist, dass in bestimmten Leitbahnen (Meridiane) die Lebensenergie Qi durch den Körper strömt und so alle Organe miteinander verbindet. Die diagnostischen und therapeutischen Methoden spüren Funktionsstörungen innerhalb der Meridiane auf und versuchen diese zu beseitigen.

Die fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin

Säule 1: Akupunktur und Moxibustion

Akupunktur kennt heutzutage wohl jeder. Dabei werden bestimmte Punkte des menschlichen Körpers mit Akupunkturnadeln stimuliert, um die Lebensenergie zu beeinflussen. Durch die Nadeln wird die Störung aufgehoben, sodass das Qi wieder harmonisch fließen kann. Während der Behandlung ist es wichtig, dass der Patient ruhig und entspannt ist, deshalb erfolgt die Akupunktur meist im Sitzen oder Liegen. Die verwendeten Nadeln sind meist dünne und selbstverständlich sterile Nadeln aus Stahl, in manchen Fällen auch aus Silber oder Gold.

Zur besseren Stimulierung können sie auch gedreht oder in andere Richtungen bewegt werden. Häufig bleiben die Nadeln nur kurz im Körper und werden nach wenigen Minuten wieder entfernt. Aber es gibt auch spezielle Dauernadeln, die bis zu zehn Tagen am Körper bleiben. Meistens werden dabei Meridiane im Ohr ausgewählt. Eine erweiterte Form der Akupunktur ist die Elektroakupunktur. Hier werden sehr schwache elektrische Impulse eingesetzt. Insbesondere findet sie in der Behandlung von Lähmungen oder Nervenerkrankungen Anwendung. Die Wirkung von Akupunktur beruht nach Angaben von Experten auf der Ausschüttung von Endorphinen, Kortison und entzündungshemmenden Substanzen im Körper. Zudem sollen sich die Nadeln positiv auf das Immunsystem auswirken.

Bei der Moxibustion werden Akupunkturpunkte durch Erwärmen stimuliert. Dabei wird getrocknetes Beifußkraut auf der Haut angezündet. Nach dem Verglühen bleibt eine kleine Brandblase zurück. Heute werden dazu vorwiegend Moxazigarren und Moxakugeln aus getrocknetem Beifußkraut verwendet. Die Kugeln können zudem auf Akupunkturnadeln aufgesteckt werden und die Wärmeenergie in den Körper leiten.

 

Säule 2: Die Chinesische Arzneimitteltherapie

In der Chinesischen Arzneimitteltherapie (CAT) kommen hauptsächlich Heilpflanzen zum Einsatz. Sehr selten und meist nur in Kombination auch Mineralien und tierische Bestandteile. Die Rezepturen sind äußerst komplex und werden für jeden individuell abgestimmt. Unbedingt müssen die Zubereitung und Einnahme nach einem speziellen Schema ablaufen. Meist werden die Arzneimittel in Tee oder Arzneimittelsud aus Pflanzenbestandteilen abgestimmt. Dabei können Wurzeln, Rinden, Blätter, Stängel und/oder Blüten zum Einsatz kommen.

Außerdem können sie in Form von Extrakten, Pulvern und Pillen verschrieben werden. Verschrieben deswegen, weil es sich bei diesen Arzneimitteln wirklich um hochwirksame Medikamente handelt. Deshalb können auch hier Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Substanzen auftreten. Die CAT ist der Pharmakologie des Westens also gar nicht unähnlich.

Jede chinesische Arznei hat bestimmte Charakteristika. Diese setzen sich zusammen aus den Geschmacksrichtungen, der Leitbahn, auf die sie einwirken und der Temperatur. Meistens sind es sogar mehrere Geschmacksrichtungen, um mehrere Systeme im Organismus zu stimulieren. Aber die Temperatur spielt ebenfalls eine essenzielle Rolle. Warme oder auch heiße Arzneien wirken lindernd, kalte dagegen nicht.

 

Säule 3: Qigong und Taiji

Qigong und Taiji sind spezielle Bewegungsabläufe, Atem- und Koordinationsübungen, die eine bewusste Verbindung von Bewegung, Atmung und geistiger Vorstellungskraft erzeugen. Dadurch soll der gesamte Körper gereinigt und gestärkt werden, das Qi wieder in Balance kommen, Spannungen und Stauungen gelöst werden und in Folge die gesamte Behandlung unterstützen. In unserer aktuellen Print-Ausgabe haben wir mit Angela Cooper von der Qigong-Akademie Wien über Wirkung, Geschichte und Praxis von Qigong gesprochen. Ihr persönliches Exemplar bekommen Sie hier! Einen Auszug davon können Sie in unserem Online-Artikel „Ausgleich finden mit Qigong“ nachlesen.

 

Säule 4: Tuina

Tuina bedeutet „schieben und ziehen“. Diese sehr alte manuelle Therapie setzt auf Reize und Stimulierung durch unterschiedliche Massage- und Grifftechniken. Oft wird sie aber auch als „Akupunktur mit den Fingern“ bezeichnet, da sie unter anderem dieselben Punkte behandelt wie die Nadeltherapie. Mit einer Geschichte von über 4.000 Jahren ist sie auch definitiv älter als die Akupunktur. Zusätzlich werden bei der Tuina auch Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke eingeschlossen. Ziel ist auch hier die Durchblutung und den Strom der Lebensenergie Qi (wieder) zu beflügeln. Dazu wird geknetet, gegriffen, gekniffen, gestrichen und geklopft, möglicherweise auch kombiniert. Insgesamt sind es mittlerweile 30 verschiedene Griff- und Massagetechniken. Dazu benutzt der Therapeut nicht nur seine Fingerspitzen und Handflächen sondern auch den Handballen, die Faust oder den Ellenbogen. Die Wirkung ist meist langanhaltend und intensiver als eine herkömmliche Massage. Häufig wird sie bei Problemen mit der Halswirbelsäule, Schlafstörungen oder Bauchweh bei Kindern eingesetzt.

 

Säule 5: Diätetik/Ernährungslehre

Eine der wichtigsten Säulen in der TCM ist die Ernährungslehre oder auch Diätetik genannt. Es wird davon ausgegangen, dass jedes Nahrungsmittel eine eigene energetische Heilwirkung hat. Speisen und Getränke werden nicht nur in Bezug auf ihre Nährwerte sondern auch auf ihre vegetative Wirkung bewertet. Verantwortlich dafür sind Geschmacksrichtungen, Geruch, Farbe, Temperatur und Konsistenz der Lebensmittel. Zudem sollen Nahrungsmittel das Qi heben oder senken sowie in der Tiefe oder an der Oberfläche wirken können. Unbedingt ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen auf unterschiedliche Organe Einfluss nehmen: Bitteres stimuliert das Herz, Saures die Leber, Scharfes die Lunge, Salziges die Nieren, Süßes die Milz und die Bauchspeicheldrüse. Zur Ernährungslehre in der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt’s mehr im nächsten Teil unserer Serie. Bleiben Sie dran!


Quellen:

  • Focks, C., et al., Leitfaden Chinesische Medizin, Urban & Fischer, München/Jena, 2003
  • Friedl, F., et al., Arzneibuch der chinesischen Medizin, Deutscher Apotheker-Verlag, Stuttgart, 2005
  • Maciocia, M., Die Grundlagen der chinesischen Medizin, Verlag für traditionelle chinesische Medizin Dr. Erich Wühr, Kötzting, 1994

 

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