Erschöpfte Frau mit verrutschter Brille, die am Schreibtisch vor ihrem Computerbildschirm und mit dem Kopf auf der Tastatur eingeschlafen ist.
07.10.2020

Warum bin ich so erschöpft?
Erschöpfung und ihre Ursachen

Text: Ursula Mitteregger

Was ist es, das uns das Gefühl der Überforderung gibt? Welche Ursachen können dahinter stecken, dass unser „innerer Schalter” kippt und positiver Stress zu negativem wird? Wir nehmen die möglichen Ursachen von Erschöpfung genauer unter die Lupe und begeben uns auf eine aufschlussreiche Reise hin zu den Zusammenhängen zwischen Körper und Seele.

Ausprägungen, sich erschöpft zu fühlen gibt es viele. Bevor wir aber genauer darauf eingehen, stellt sich uns noch dringender die Frage: Was ist Erschöpfung überhaupt? In unserer heutigen Welt gibt es so viele unterschiedliche Wörter und Beschreibungen dafür: In Fachkreisen oft Burn-out-Syndrom, Depression oder Ikarus-Syndrom genannt, wird die Ausprägung im Alltag oft schlichtweg als Stress bezeichnet. Der Begriff der Erschöpfung scheint als Oberbegriff für all diese Bezeichnungen zu stehen. Er wird als eine „über den Zustand der Ermüdung hinausgehende Verminderung der Körperkraft und Belastbarkeit” beschrieben, die „u. U. mit dem Gefühl von Aus­gelaugt­heit, in­nerer Lee­re, Zer­mür­bung und ge­steigerter Reiz­bar­keit bis hin zu vollstän­digem Kräf­te­ver­schleiß” verbunden ist.

Ermüdung ist demnach die Vorstufe von Erschöpfung. Sie wird nach den Ebenen unterteilt, wo sie auftreten kann. So unterscheidet die Fachliteratur zwischen psychischer und physischer Ermüdung. Die psychische Ermüdung bezeichnet die zentrale, vom Gehirn ausgehende Ermüdung. Als physische Ermüdung wird hingegen die periphere Ermüdung des neuromuskulären Systems bezeichnet, die sich in einem Abfall der muskulären Leistungsfähigkeit, also einer Muskelermüdung, zeigt. Und verschlimmert sich die Ermüdung immer mehr, wird sie irgendwann zur Erschöpfung. Soweit, so klar.

Eine erschöpfte Seele, die sich versucht mitzuteilen 

Diese Einteilung scheint dem vielschichtigen Phänomen der Erschöpfung zumindest etwas die Komplexität zu nehmen. Aber eben nur oberflächlich. Denn wenn wir genauer hinschauen, lässt sich das eine vom anderen bei weitem nicht mehr so einfach trennen. Da kommt der Begriff der Psychosomatik mit ins Spiel, die sich mit der Wechselwirkung von Psyche und Körper beschäftigt. Der international anerkannte Arzt, Autor und Seminarleiter Ruediger Dahlke geht sogar noch weiter und propagiert, dass sich in jeder Erkrankung des physischen Körpers ein „ins Unbewusste gesunkene Ur- oder Lebensprinzip beziehungsweise eine Mischung daraus in unerlöster Form” widerspiegelt. Das klingt schon weitaus komplexer, nicht wahr? In seinem Handbuch der Psychosomatik und Integralen Medizin „Krankheit als Symbol” beschreibt er nicht nur typische Krankheitsbilder, sondern zeigt auch die betroffenen Lebensprinzipien auf, in denen die verkörperte Krankheit ihren Ursprung haben kann. Des Weiteren gibt er Lösungswege mit an die Hand, wie das körperlich sicht- beziehungsweise spürbar gewordene Lebensthema auf seiner Ursprungsebene, die nach Dahlke immer die Psyche bedeutet, bereinigt werden kann. 

Am Beispiel von Erschöpfungserscheinungen sieht sein Zugang folgendermaßen aus: Im Grunde können sich diese auf körperlicher Ebene im gesamten Organismus zeigen: Ob als Entzündung, Bruch, Schmerzen oder was auch immer. Im Grunde ist es aber die Seele, die eine Art Infarkt erleidet, resultierend daraus, dass der Betroffene seine Energie an falscher Stelle einsetzt. Er verbrennt seine Energie redensartlich, ohne dabei Energie zurückzubekommen, was den herkömmlichen Begriff des Ausgebranntseins (Burn-out) sehr treffend beschreibt. Die Ursachen können entweder auf beruflicher, familiärer oder partnerschaftlicher Ebene liegen. 

Demnach kann die Erschöpfung uns alle treffen, denn unsere Welt wird immer komplexer und schneller: Soziale Kontakte werden durch Social Media von der realen in die virtuelle Welt verlagert und Ablenkungen stehen durch die neuen vielfältigen Möglichkeiten der Digitalisierung an der Tagesordnung: Nicht nur durch die ständige Präsenz von Social Media, sondern auch durch digitale Werbeformate, die uns auf unserem Weg durch die Stadt an jeder Ecke entgegen blinken und um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Die Auswirkungen davon machen sich schleichend, irgendwann aber – je nach zusätzlicher Alltagsbelastung – deutlich bemerkbar, indem sie Ihr Energieniveau drastisch reduzieren. 

Eine mögliche Lösung: bewusste selektive Wahrnehmung. Schauen Sie doch absichtlich mal weg und reduzieren Sie so ganz bewusst die visuellen Reize, die ständig auf sie einprasseln. Das empfiehlt übrigens auch Dahlke in Sachen Erschöpfungserscheinungen. 

Eine Ursache von Erschöpfung kann auch eine mangelhafte Ernährungsweise sein.
Eine Ursache von Erschöpfung kann auch eine mangelhafte Ernährungsweise sein.

Unser Lebensstil wirkt sich massiv auf unser Wohlbefinden aus

Ein sehr aufschlussreicher Zugang, um die Ursache von Erschöpfungserscheinungen herauszufinden, kann aber auch über den Körper erfolgen. Oder doch wieder über die Psyche, die sich körperlich auswirkt? Ein bisschen wirkt die Ursachenforschung von Erschöpfungserscheinungen wie die Henne-Ei-Thematik, aber entscheiden Sie am besten selbst.

Wissenschaftlich ist Stress mit seinen Auswirkungen auf unseren Körper eingehend erforscht. Bei jeder Stresssituation schüttet unser Körper die Hormone Cortisol und Adrenalin sowie die Neurotransmitter Noradrenalin und Glutamat aus. Beide, Hormone und Neurotransmitter, sind in unserem Körper als Signalgeber für unterschiedlichste Abläufe zu verstehen, die dazu notwendig sind, dass sich unser Organismus selbst regulieren kann. Obwohl sich Stress durch das Zusammenspiel und die Auswirkungen der Hormone auch positiv äußern kann, indem wir zum Beispiel einen inneren Antrieb verspüren, Herausforderungen zu bewältigen, stehen bei Erschöpfungserscheinungen sichtlich die negativen Auswirkungen von Stress im Zentrum – und damit das Hormon Cortisol. Dieser Botenstoff wird in der Nebenniere gebildet und fährt bei akutem Stress weniger wichtige Funktionen im Körper herunter. In Bezug auf die langfristige Stressreaktion im Körper ist Cortisol das wichtigste Hormon. Denn wenn anfänglich positiver Stress allmählich zu negativem wird oder dieser von vornherein negativ auftritt und über einen längeren Zeitraum anhält, produziert der Körper dauerhaft Cortisol. Das kann sich in zahlreichen Krankheitssymptomen äußern. Weiter noch kann durch die permanente Cortisol-Produktion eine sogenannte Nebennierenerschöpfung vorliegen, die bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Literatur beschrieben wird. 

Ganz gleich, ob „lediglich” eine permanente (Über-)Produktion oder bereits eine Erschöpfung der Nebenniere durch eben diese dauerhafte Ausschüttung vorliegt, die Anzeichen sind vielfältig und entsprechen in hohem Ausmaß denen der zuvor beschriebenen Erschöpfungserscheinungen. Denn ist unser Körper durch die ständige Cortisol-Ausschüttung dauerhaft in Alarmbereitschaft und fährt seine Körperfunktionen, die der Stressbewältigung gerade nicht dienlich sind (wie z. B. die Verdauung) herunter, so ist die Tendenz zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen deutlich erhöht. 

Aber nicht nur das, auch unsere Ernährungsweise hat einen Einfluss auf die Funktion der Nebennieren. Unser heutiger Lebensstil ist häufig geprägt von nährstoffarmer Ernährung. Konkret ist es oftmals ein Mangel an Mikronährstoffen, der vorliegt. Diese sind aber für einen reibungslosen Ablauf sämtlicher Stoffwechselprozesse essenziell. Einerseits nehmen wir in unserer westlichen Welt zu viele Makronährstoffe, also Kohlenhydrate, Fette und Proteine, zu uns. Andererseits ist es aber auch möglich, dass wir begründet durch eine permanente Stressreaktion im Körper die zugeführten Mikronährstoffe nicht mehr so gut aufnehmen können. Die Frage also, ob hier nun der Ursprung in der Psyche oder im Körper – oder schlicht in unserem Verhalten, also einer mangelhaften Ernährungsweise – liegt, ist schon deutlich schwieriger zu beantworten.

Phytotherapie gegen Erschöpfungssymptome

Es gibt eine ganze Reihe von wertvollen Heilpflanzen, die wirksam gegen Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung helfen können – diese werden in der Alternativmedizin Adaptogene genannt. Die darin enthaltenen biologisch aktiven Wirkstoffe haben positiven Einfluss auf das menschliche Nervensystem, Zellbildung und Hormonausschüttung. Sie unterstützen den Körper dabei, seine eigene Widerstandskraft gegen Krankheitserreger, Toxine, schädliche Umwelteinflüsse und die Stressresistenz zu stärken. Behandlungen und Heilverfahren auf Basis von Pflanzen haben ihre Wurzeln in der Volksmedizin und werden heute als Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde bezeichnet. Auch wenn es nicht ausreichend aussagekräftige klinische Studien gibt, ist die Wirksamkeit von Heilpflanzen großteils wissenschaftlich belegt. So werden sie auch von Menschen weltweit erfolgreich zur Behandlung unterschiedlichster Beschwerden und Weh-wehchen eingesetzt und genießen einen sehr guten Ruf. 

Es gibt einige Kräuter wie EchinaceaSauerampferBrennessel und Spitzwegerich, die speziell dabei helfen können, Müdigkeit zu vertreiben. Darüber hinaus werden in diesem Zusammenhang viele verschiedene, in unterschiedlichen Teilen der Erde beheimatete Pflanzen zur Linderung von Erschöpfungssymptomen empfohlen. Darunter auch der, in den arktischen Gebieten der Nordhalbkugel wachsende Rosenwurz, der aus Ostasien stammende Ginseng und das besondere und nicht gerade preiswerte Gelée royale.

Rosenwurz

Rosenwurz (Rhodiola rosea) steigert die physische und mentale Leistung, lindert Stresssymptome und steigert die Anpassungsfähigkeit des Körpers. Es wird häufig bei Überarbeitung, stressbedingten Ermüdungssymptomen und körperlicher Erschöpfung, Gereiztheit und anhaltender Anspannung eingesetzt. Es kann die Konzentration und Leistungsfähigkeit deutlich verbessern und sogar antidepressiv wirken da es den Serotoninabbau im Körper verringert

Ginseng

Ginseng (Panax ginseng) wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und in vielen asiatischen Ländern, darunter Korea und Japan seit Jahrtausenden bei körperlicher Schwäche und chronischen Ermüdungszuständen, aber auch zur Steigerung der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit angewandt. Den darin enthaltenen Ginsenosiden wird eine immunstärkende Wirkung nachgesagt. Die Ginsengwurzel wirkt auch unterstützend in der Zeit der Rekonvaleszenz und kann sich zusätzlich positiv auf das Libido auswirken auf die, für Wechseljahre typischen Beschwerden wie Hitzewallungen lindern. 

Gelée royale

Das von Ammenbienen (Arbeitsbienen, die sich um die Brutpflege kümmern und die junge Bienenkönigin heranziehen) produzierte Gelée royale soll durch seine antibiotischen antioxidativen Eigenschaften und einen hohen Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen präventiv gegen Entzündungen und Alterserscheinungen wirken. Es gibt HInweise darauf, dass es auch das Risiko für Arteriosklerose senken kann. 

Verschiedene Heilpflanzen können auch miteinander kombiniert werden. Dazu lohnt sich die Lektüre eines renommierten Heilpflanzen-Lexikons, um die unterschiedlichen Eigenschaften von Pflanzen näher kennen zu lernen und ihre Wirkungsweise besser zu verstehen und die für sich ideale Kombination zu finden. Eines dürfen Sie dabei nicht vergessen: aktive Pflanzenstoffe entfalten Ihre Wirkung erst nach mehrwöchiger Anwendung

Aber Achtung: Falls Sie regelmäßig Medikamente einnehmen, sollten Sie vorher unbedingt Ihren Arzt konsultieren, da manche pflanzliche Wirkstoffe die Wirkungsweise von Medikamenten beeinträchtigen können. Die ätherischen Öle, die in Pflanzen enthalten sind, können auch allergische Reaktionen hervorrufen. 

Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verbunden

Sind Sie zu demselben Schluss gekommen? Ganz gleich, wo Sie in Sachen Erschöpfungserscheinungen ansetzen beziehungsweise aus welcher Richtung – Körper oder Psyche – Sie kommen. Sie werden bei Ihrer Ursachenforschung letztendlich von der einen Ebene, den Körper, auf die andere Ebene, die Psyche, gelangen und umgekehrt. Denn solange wir als Menschen auf der Erde sind, sind diese untrennbar miteinander verbunden und wirken sich daher auch aufeinander aus. Oder haben Sie schon mal eine Seele ohne physischen Körper gesehen? :) 

Mehr zur Wechselwirkung von Körper und Psyche können Sie auch hier nachlesen. 

Mit diesen Apps können Sie übrigens ganz einfach nachvollziehen, wie viel Mikro- und Makronährstoffe Sie zu sich nehmen:

Auch moderne Phytotherapie kann einen positiven Effekt auf Körper und Psyche haben. Phytotherapeutika sind hochwirksame Arzneimittel, die aus Heilpflanzen beziehungsweise Pflanzenteilen hergestellt werden und sich von homöopathischen Arzneimitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln abgrenzen.

Phytopharmaka bestehen aus vielen verschiedenen Substanzen pflanzlichen Ursprungs, die teils pharmakologisch aktiv sind und teils inaktiv sind. Die einzelnen Inhaltstoffe interagieren sowohl miteinander als auch mit Rezeptoren, Enzymen und Transmittern (sogenannten molekularen Zielstrukturen oder Drug Targets) im menschlichen Organismus. 

In unserer Printausgabe vom Oktober 2020 können Sie noch mehr über Erschöpfung und ihre Ursachen nachlesen.


Quellen:

  • Schaub Rainer, 04/2016, Pschyrembel online
  • Dahlke Rüdiger, 2014, Krankheit als Symbol, Handbuch der Psychosomatik und Integralen Medizin, C. Bertelsmann Verlag
  • Tulipan Julia, Polzin Nadja, 2017, Diagnose: Nebennierenerschöpfung, Wie chronischer Stress die Hormon-Balance stört, Vitalität und Lebensfreude zurück gewinnen, Leanpub book by Nadja Polzin und Julia Tulipan, nebennierenhilfe.de
  • PhytoDoc-Redaktion, MüdigkeitAbfrage vom 26.5.2021, 14:00 Uhr
  • Mayer-Fally Erich, November 2015, Phytotherapie, Abfrage vom 27.5.2021, 7:30
  • PharmaWiki-Redaktion, 28. Dezember 2020, Phytopharmaka, Abfrage vom 27.5.2021, 11:00 Uhr

Artikeleckdaten:
  • Artikelerstellung: 7.10.2020
  • Letztes Update: 27.5.2021