Blonde Frau liegt auf einer Liege und der Therapeut hält ihren Kopf in den Händen
09.12.2020

Was Craniosacral alles kann

Text: Verena Radlinger

Oft wird die Craniosacrale Therapie als rein esoterisch abgetan. Betrachtet man aber die Geschichte der Entwicklung aus der Osteopathie, wird schnell klar, dass sie die Selbstheilungskräfte des Körpers positiv beeinflussen kann.

Endlich ist die Wichtigkeit der Verbindung von Körper und Psyche auch in der Schulmedizin angekommen. Für die Osteopathie, aus der sich später die Craniosacrale Therapie entwickelte, steht seit Anfang an fest, dass der Organismus eine unzertrennbare Einheit darstellt. Bereits vor über 130 Jahren erkannte der amerikanische Arzt und Gründer der Osteopathie Andrew Taylor Still: „Die Gesundheit hängt vom funktionellen Gleichgewicht der Gesamtheit seiner Strukturen ab.“ Das Ziel der Osteopathie ist die Aktivierung der körpereigenen Selbstheilungskräfte. Mit einer manuellen Therapie in Kombination mit einer ganzheitlichen Diagnose- und Behandlungsmethode. Taylor Still praktizierte seine neue Behandlungsform mit Erfolg an seinen Patienten. Bereits 1892 gründete er die „American School of Osteopathy“ in Missouri, in Folge entstanden weitere Colleges. Durch die sichtbaren Erfolge wurde die Osteopathie in den USA 1960 offiziell anerkannt. In den 1950er Jahren kam sie auch nach Europa und breitete sich rasant aus. Hier werden mittlerweile Osteopathie und Craniosacrale Therapie in fast allen Ländern praktiziert und gelehrt.

Zusammenhang Craniosacral und Osteopathie

Osteopathie setzt sich aus den griechischen Wörtern „osteon“ für Knochen und „pathos“ für Leiden zusammen, also Knochenleiden. Anfang des 20. Jahrhunderts war sich Dr. William G. Sutherland, ausgebildet von Still, sicher, dass der menschliche Schädelknochen nicht starr verwachsen sondern beweglich ist. Nach einer doch sehr langen Forschungszeit entwickelte er ein System zur Untersuchung und Behandlung, die Craniosacrale Osteopathie war geboren.

Während einer Operation im offenen Rücken seines Patienten beobachtete der Arzt und Osteopath John Upledger die vermuteten rhythmischen Bewegungen des Craniosacralen System. Diese Beobachtung ließ ihn nicht mehr los und seine wissenschaftlichen und praktischen Forschungen führten in den darauffolgenden Jahren zu der Entwicklung der Sakralen Therapie. Noch immer werden beide Therapiemethoden, Osteopathie und Craniosacrale Therapie, weiter untersucht und auf diesen Erkenntnissen weiterentwickelt.

Die Wirbelsäule ist das Zentrum unseres Körpers

„Craniosacral“ (CS) setzt sich aus dem Wort „Cranium“ für Schädel, und „Sacrum“ für Kreuzbein zusammen. Diese beiden Teile sind durch die Wirbelsäule verbunden und deshalb sind alle drei der Grundpfeiler der CS Osteopathie/Therapie. Der Mensch wird immer als Einheit gesehen, alles im Körper ist direkt oder indirekt mit der Wirbelsäule verbunden.

Sie muss sich auf jede Bewegung, die wir machen, einstellen und zwar unmittelbar im Moment. Fast alle Nervenbahnen sind ebenfalls irgendwie mit der Wirbelsäule verbunden, was sie zum Zentrum unseres Körpers macht. Feine Impulse sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen, um die bestmögliche Balance aller Strukturen zu erzielen. Die CS Osteopathie/Therapie beeinflusst auch verschiedene Körperfunktionen und bewirkt eine umfassende und optimale Verbesserung aller Systeme. Die Handgriffe während einer Behandlung werden vor allem im Bereich des Schädels, im Nacken, Zungenbein, Wirbelsäule, aber ich im Bereich des Beckens oder der Füße ausgeführt. “Viele Menschen und Betroffene wissen diese Therapieart aufgrund des erfolgreichen, ganzheitlichen Gesamtkonzeptes sehr zu schätzen. Auch in der Präventionsarbeit hat sie an Bedeutung gewonnen“, erzählt Nikolaos Akranidis, Craniosacral Therapeut und medizinischer Masseur. Vor allem bei älteren Klienten sei die Therapie eine enorme Erleichterung, wenn dadurch invasiven Eingriffen vorgebeugt werden kann.

Was ist das Ziel einer Craniosacralen Therapie?

Nikolaos Akranidis erklärt im Gespräch mit YOLO: „Die Weiterentwicklung basiert auf der Erkenntnis, dass die Natur die beste Vorlage für Form und Funktion im menschlichen System liefert und man die Funktionsweise verstehen lernen muss, anstatt sie verbessern zu wollen.“ Beide Therapiemethoden orientieren sich an den anatomischen Strukturen des Körpers und bauen darauf auf, dass Struktur und Funktionen des Organismus sich gegenseitig beeinflussen. Deswegen ist die Beweglichkeit der Struktur der zentrale Punkt. Wir Menschen suchen meistens erst nach Unterstützung, wenn wir gesundheitliche Probleme haben oder bereits erkrankt sind. Bei den Behandlungen steht aber hier nicht die Krankheit oder das Problem im Mittelpunkt sondern der Organismus mit seinen körpereigenen Selbstheilungs- und Regulierungskräften. Nicht immer bedarf es einer „Heilung“, sondern vielleicht muss „nur“ das Zusammenspiel neu reguliert werden. „Die Wiederherstellung der vegetativen Flexibilität ist demnach ein großer Nutzen, der aus dieser Therapie gezogen werden kann. Das bedeutet, dass die optimale Fähigkeit des autonomen Nervensystems gefördert wird, um auf unterschiedliche Stressfaktoren verbessert zu reagieren”, veranschaulicht Lili-Karina Schwertführer, Cranio-Praktikerin und Assistentin von Akranidis. Auch Meditation kann helfen wieder in seine eigene Mitte zu finden - warum und wie das geht erfahren Sie hier.

Mit ein bisschen mehr Achtsamkeit für eine richtige Sitzposition lassen sich viele Probleme schon im Vorfeld vermeiden.
Mit ein bisschen mehr Achtsamkeit für eine richtige Sitzposition lassen sich viele Probleme schon im Vorfeld vermeiden.

Der menschliche Körper ist seit der Urzeit darauf ausgelegt sich viel zu bewegen. So bekamen wir Aufbau, Struktur und Funktion, die auch heute noch dieselben sind. Außerdem mussten unsere Muskeln, Bänder und Sehnen geschmeidig sein. Mittlerweile haben sich schwere körperliche Anstrengungen stark reduziert und ein Großteil der Menschen gehen im Beruf einer sitzenden Tätigkeit nach. In nahezu immer derselben Haltung starren die meisten auf einen Bildschirm, Hände, Kopf und Nacken bewegen sich nur noch in die gleiche Richtung. In unserem YOLO 1x1 zu "Muskeln: Motor unserer Gliedmaßen" erfahren Sie alles über die Beschaffenheit, Aufgaben und Unterscheidung von Muskeln.

Inzwischen haben wir generell, aber auch aufgrund des ständigen Zeitdrucks, vergessen unseren Körper wahrzunehmen und auf seine Signale zu hören. Wir hören unserem Körper erst zu, wenn er richtig Alarm schlägt, mit einem Stich, Bewegungsschwierigkeiten oder starken Stimmungsschwankungen. Das passiert aber erst wenn der Körper keine Chance mehr sieht das Problem selbst in den Griff zu kriegen. Dann sind meist schon einige der komplexen, vielschichtigen Rückenmuskeln und Faszien verspannt, verkürzt oder verhärtet. Die Wirbelsäule hat dann einen Teil ihrer feinen Beweglichkeit verloren. Erst dann finden die Menschen ihren Weg zum Craniosacralen Therapeuten.

„Die Gesundheit hängt vom funktionellen Gleichgewicht der Gesamtheit seiner Strukturen ab.“
Andrew Taylor Still
1828–1917

Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele

In der craniosacralen Therapie wird die gesamte Lebenssituation mit einbezogen: Dazu zählen die körperliche Verfassung, Unfälle oder vergangene Operationen aber auch die emotionale Situation, Beruf und Familie und das soziale Umfeld. Dieser ganzheitliche, manuelle Ansatz kann wesentlich zum Erlangen des umfassenden Wohlbefindens beitragen. Schwertführer bekräftigt: „Generell ist craniosacrale Körperarbeit eine sehr angenehme Methode, vor allem, wenn sie präventiv konsumiert wird. Denn dann kommt es erst gar nicht zu Problemen und Unwohlsein.“ Wie schon erwähnt, wird mit sanften und achtsamen Berührungen die Eigenregulation im Nervensystem und im ganzen Körper umfassenden Gewebe angeregt. Dadurch werden alle Strukturen des Körpers, von den Muskeln bis zu den Flüssigkeiten, berührt und es wird die Auflösung von Schmerz und Spannungsmustern ermöglicht. Im Gegensatz zu den meisten Therapien richtet sich die CS Therapie immer auf das Gesunde aus, das in jedem Menschen und zu jeder Zeit vorhanden ist. Dazu wird mit der „innewohnenden“ Lebenskraft gearbeitet. Wie man sich mit seinem Inneren wieder besser vernetzen und warum man sich auf seine Intuition verlassen kann - lesen Sie hier!

Ein zentraler Aspekt ist es auch, dem Klienten Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen zu vermitteln. Während der Therapie hat der Körper Gelegenheit zur Ruhe zu kommen und damit gleichzeitig der Geist. „Wenn ein Klient von den Tagesereignissen aufgewühlt ist, kann man zur Vorbereitung den Parasympathikus mit bestimmten Griffen aktivieren, sodass ein Entspannungszustand entsteht, mit dem sich die eigentliche Behandlung fortfahren lässt“, erklärt Akranidis. Umgekehrt sei es aber auch möglich, mehr Aktivität ins System zu bringen, indem gegen Ende der Behandlung das vegetative Nervensystem über den Sympathikus stimuliert wird. Die oft eintretende tiefe Entspannung, kann die untersten Schichten aus der Seele zum Vorschein bringen und überraschende Erinnerungen oder Gedanken sichtbar machen. Vielleicht erfährt man auch warum das eigene Gleichgewicht zwischen Körper, Geist, Seele und der Umwelt nicht mehr stimmig ist. Vielleicht aber auch ein vor Jahren verstauchter Knöchel oder der schlimme Sturz beim Skifahren. Auch aus diesen Erinnerungen kann das jetzige Problem resultieren und in Folge gelöst werden. Es ist also ganz danach aus, als hänge die Gesundheit wirklich vom funktionellen Gleichgewicht der Gesamtheit seiner Strukturen ab.

Das gesamte Interview mit den Experten Lili-Karina Schwertführer und Nikolaos Akranidis, MSc, lesen Sie in unserer neuen YOLO Print-Ausgabe vom 4. Dezember 2020!

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