Finger einer Frau, die vorm Bauch ein Herz formen
18.01.2021

Was genau ist ein Reizdarmsyndrom?

Text: Verena Radlinger

Ein Reizdarmsyndrom (RDS) kann sich in unterschiedlichster Weise zeigen. Nicht immer muss es aber gleich ein Syndrom sein. Sogar medizinische Leitlinien empfehlen auf Pflanzen und allgemeine Maßnahmen zu setzen.

Im Gegensatz zu vielen anderen schulmedizinischen Richtlinien gibt es bei Verdauungsproblemen eine klare Empfehlung für pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) beziehungsweise alternative oder komplementäre Behandlungsmethoden.

Diese Empfehlungen haben es sogar in die S3-Leitlinie „Reizdarmsyndrom“ der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie geschafft. Solche Leitlinien werden für verschiedenste Krankheitsbilder durch Experten (meist von den Gesellschaften der dazugehörigen Fachrichtung) erstellt, um den Ärzten einen optimale Behandlungsweg aufzuzeigen und sie dabei zu unterstützen.

Wann gilt ein Darm als gereizt?

2016 wurden die sogenannten Rom-IV-Kriterien zur Definition eines „Reizdarmsyndroms“ veröffentlicht. Ein solches liegt dann vor, wenn:

  • Betroffene in den letzten drei Monaten wiederholt an mehr als einem Tag pro Woche Bauchschmerzen hatten
  • diese müssen in Zusammenhang mit der Stuhlentleerung stehen oder mit einer Änderung der Stuhlfrequenz oder -konsistenz
  • zusätzlich muss der Beginn der Beschwerden mindestens ein halbes Jahr zurückliegen

Die deutsche S3-Leitlinie, deren überarbeitete Version im Laufe dieses Jahres veröffentlicht wurde, führt als zusätzliches Kriterium an, dass die Beschwerden so stark sein müssen, dass die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigt ist und sie aus diesem Grund ärztliche Hilfe suchen. Nur ab wann genau ist die Lebensqualität beeinträchtigt? Auch ein stark krampfender oder zwickender Bauch, ständige Blähungen (Flatulenzen), Durchfall (Diarrhoe) oder Verstopfung (Obstipation) sind extrem unangenehm. Es gibt aber Symptome, bei denen es unerlässlich ist, sich ärztliche Hilfe zu holen: Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber, schwere Durchfälle oder Nachtschweiß.

Weltweit sind ungefähr 11 Prozent von einem Reizdarmsyndrom betroffen. Frauen sind vor allem in jüngeren Jahren etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Nach wie vor ist aber die Entstehung des RDS nicht vollständig geklärt. Auch hier gibt uns der Darm noch viele Rätsel auf. Einigen sind wir bereits auf die Spur gegangen: Wir haben uns damit beschäftigt, wo und warum Durchfall entsteht und wie wertvoll Ballaststoffe für eine gesunde Verdauung sind.

Per Ausschlussverfahren zur Diagnose Reizdarmsyndrom

Dadurch, dass Verdauungsbeschwerden so zahlreiche Ursachen haben können, basiert die Bestätigung eines RDS nach wie vor auf dem Ausschlussprinzip. Mittlerweile weiß man aber, dass der Darmtrakt überempfindlich auf chemische und mechanische Reize, wie beispielsweise eine Dehnung der Darmwand, reagiert. Sehr wahrscheinlich ist auch, dass durch eine gewisse Entzündungsreaktion auf die Reize vermehrt Histamin und Serotonin freigesetzt werden. Auch genetische Faktoren und eine gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und Darm können Auslöser sein, wobei der eigentliche Chef in unserem Körper der Darm, beziehungsweise genauer die sogenannte Darm-Gehirn-Achse ist. Wie die Darm-Gehirn-Achse funktioniert und was unsere Darmgesundheit beeinflusst, gibt’s in unserem Artikel „Der Darm – unser zweites Gehirn“.

Welche Therapie bei RDS empfohlen wird und wie sich die Zeit der Pandemie und des Lockdowns auf unsere Essgewohnheiten auswirkt, das können Sie übrigens in unserer YOLO Printausgabe vom 4. Dezember 2020 nachlesen.

Mittels „Me-Time“ zu einem gesünderen Darm

Besonders in Zeiten von Pandemie und Lockdown, in der wir ohnehin sehr herausgefordert sind, ist es wichtig, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Meditationen können dafür sorgen, dass Sie selbst mehr in Ihrer Mitte bleiben – oder leichter wieder in sie zurückfinden. Sind Sie entspannt, wirkt sich das auch positiv auf Ihre Verdauung aus (und umgekehrt).

Pfefferminze als Retter in der Reizdarm-Not

Die eingangs erwähnte Leitlinie hat vor allem Pfefferminzöl für die Unterstützung von Verdauungsproblemen hervorgehoben. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass damit zumindest die oft quälenden Begleiterscheinungen des Reizdarmsyndroms gelindert werden können. Der wahrscheinlichste Faktor ist das enthaltene Menthol. Es ist in der Lage das Eindringen von Calcium in die Zellen zu verhindern, dadurch wird eine entspannende Wirkung auf die oft verkrampfte Darmmuskulatur ausgelöst. Dadurch kommt es weniger zu Blähungen und ein gutes „Bauchgefühl“ stellt sich ein.

Zusätzlich wirkt Pfefferminzöl positiv auf das Darmimmunsystem, die Darmschleimhaut und das Mikrobiom. Ein zentraler Punkt ist aber, dass das Öl unversehrt im Darm ankommt. Das heißt es muss eine spezielle Darreichungsform und Dosierung gewählt werden, damit es weder in der Speiseröhre noch im Magen freigesetzt wird. Denn so würde die entspannende Wirkung auf den Schließmuskel des Magens wirken und in Aufstoßen und/oder zu einer Übersäuerung des Magens und der Speiseröhre kommen.

Unsere besten Tipps bei Verdauungsbeschwerden

Um eine gesunde Darmfunktion zu unterstützen und sich Abhilfe bei Verdauungsbeschwerden zu verschaffen, haben sich folgende Empfehlungen bestens bewährt:

Allgemein

  • Wenig Aufregung, Angst vermindern und Stress vermeiden
  • Pflanzliche Stoffe helfen zur Beruhigung der Nerven (siehe Box)
  • Beruhigende Badezusätze oder ätherische Öle verwenden

Diarrhö

  • Schwarz- oder Pfefferminztee beruhigt den Darm
  • Kümmelöl oder Pfefferminzöl entspannt einen verkrampften Darm
  • Elektrolytpräparate für die verlorengegangenen Elektrolyte

Obstipation

  • Ballaststoffe, Ballaststoffe, Ballaststoffe!
  • Warme Bauchwickel gegen Verkrampfungen
  • Warme Fußbäder machen

Flatulenzen

  • Blähungstreibende Tees zum „Entleeren“ (Anis, Fenchel, Kümmel)
  • Verdauungsfördernde Pflanzen als Tee oder Tropfen (Enzianwurzel, Tausendgüldenkraut, Wermutkraut)
  • Wohltuende Tees (Kamillenblüten, Pfefferminzblätter)
  • Beruhigende Öle in Kapseln (Kümmelöl, Pfefferminzöl)

Quellen:

  • S3-Leitlinie »Reizdarmsyndrom« der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie
  • Egle U.T., et al., Psychosomatik; W. Kohlhammer Stuttgart; 2020
  • Pharmazeutische Zeitung, Labenz Christian & Joachim, 03.04.2017, Belastende Syndrome, Abfrage vom 18.01.2021, 10:08 Uhr

 

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