frisch gebratenes Steak, 1 Hälfte aufgeschnitten und man sieht das rosa Fleisch
18.01.2021

Fleisch ist der neue Klimafeind

Text: Verena Radlinger

Immer mehr rücken die Landwirtschaft und die Lebensmittelherstellung in Hinblick auf den Klimawandel in den Fokus der Öffentlichkeit. Das sind die Auswirkungen des Fleischkonsums auf unsere Welt.

Mittlerweile hat sich das Bewusstsein, unsere Erde vor den Auswirkungen unserer Lebensweise zu schützen, stark verändert. Hauptsächlich ins Positive. Gerade der Sektor Landwirtschaft ist vom Klimawandel direkt betroffen, aber auch wie alle anderen Wirtschaftszweige Mitverursacher. Einerseits soll er die Treibhausemissionen reduzieren, andererseits muss er sich auch stetig an die veränderten Klimabedingungen anpassen. Gleichzeitig sollte er aber seine Hauptaufgabe erfüllen, nämlich die Bevölkerung mit genug Lebensmittel zu versorgen. Gar nicht so einfach, denn Lebensmittel werden in und mit der Natur produziert.

Dass die Fleischproduktion immense Emissionen verursacht, ist mittlerweile allseits bekannt. Es hält uns aber nicht davon ab, unglaubliche Mengen zu verbrauchen. Am Beginn des 19. Jahrhunderts lag der weltweite Fleischkonsum noch bei zehn Kilogramm pro Kopf in einem Jahr. Bereits in den Sechzigern verdoppelte sich dieser Wert und stieg bis zum Jahr 2016 auf unglaubliche 40 Kilogramm pro Erdbewohner jährlich. Die Fleischproduktion hat sich somit auf der gesamten Welt vervierfacht. Die Tendenz ist weiterhin stark steigend.

Einigen Berechnungen zufolge sollen 2050, das ist übrigens in 30 Jahren, ungefähr 9,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Derzeit sind es 7,79 Milliarden. Ergo müssen rund 2,79 Milliarden mehr Menschen mit Lebensmittel und Wasser versorgt werden. Außerdem werden nicht nur mehr Lebensmittel benötigt sondern folglich auch mehr Futtermittel. Der verfügbare Platz wird sich aber nicht vergrößern. Deshalb beginnt schon jetzt der Kampf um die knappen Boden- und Wasserressourcen. In unserer Print-Ausgabe haben wir für Sie noch mehr Zahlen, Daten und Fakten wie sich die Lebensmittelproduktion generell und weltweit auf den Klimawandel auswirkt.

Schätzungen zufolge geht man davon aus, dass der tägliche Fleischkonsum in der „westlichen Welt“ um ungefähr 25 Prozent steigen wird. In den Entwicklungsländern um unglaubliche 150 Prozent. Weltweit soll bis zum Jahr 2030 die Getreideernte um 50 Prozent und die Fleischproduktion um 90 Prozent steigen. Im Bereich Ernährung entsteht etwa die Hälfte der Treibhausgasemissionen bei der Produktion, inklusive der Verarbeitung und dem folgenden Handel von Lebensmitteln. Die andere Hälfte wird bei deren Lagerung, dem Einkauf selbst und später in der Zubereitung verursacht.

Landwirtschaft verursacht mehr Emissionen als Öl

Im Jahr 2015 verursachte der Mensch weltweit knapp unter 50 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente (MtCO2e; Maßzahl für den relativen Treibhauseffekt). Ungefähr 14,5 Prozent davon, also 7,1 Milliarden, entfallen auf die Viehwirtschaft und ihre Lieferketten. Etwa zwei Drittel davon entfallen auf die Rinderhaltung, vor allem weil die Rinder Methan ausstoßen. Daneben sind die Hauptquellen Gülle, die Futtermittelproduktion und Landnutzungsänderungen.

Um diese Zahlen besser zu veranschaulichen hat der Agrarbericht 2019 folgende Daten gegenübergestellt: Die fünf größten Milch- und Fleischkonzerne stießen 578 Millionen Tonnen (MtCO2e) aus. Das ist mehr als alle Emissionen Großbritanniens (507 MtCO2e) oder übertrifft Ölriesen wie Exxon (577 MtCO2e).

Fleischverbrauch in Europa und der Welt

In der EU belegen wir in Österreich hinter Luxemburg und Spanien den 3. Platz beim Fleischverbrauch. Weltweit gesehen kommen wir auf den 15. Platz. Jeder Österreicher isst durchschnittlich im Jahr 65 Kilogramm Fleisch, das sind rund fünf Portionen pro Woche. Um diesen Bedarf zu decken wurden 2018 hierzulande über 91 Millionen Tiere geschlachtet. Bedenklich ist nicht nur, dass Fleisch viel Fett enthält, sondern auch zu den Lebensmitteln mit einem sehr sauren pH-Wert zählt. Eine andauernde Übersäuerung kann die Gesundheit stark beeinträchtigen. In unserem Artikel zur Übersäuerung erfahren Sie, wie wichtig ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt ist.

In den USA verbraucht die Rindfleischproduktion 28-Mal mehr Landfläche, das elffache an Wasser und sechs Mal mehr Stickstoffdünger als die Herstellung von Milch, Eier, Geflügel- und Schweinefleisch im Mittel sowie zusätzlich die fünffache Menge an Treibhausgasemissionen. Die Uni Göttingen hat in einem Langzeitexperiment festgestellt, dass weidende Rinder die Artenvielfalt des Grünlandes beeinflussen. Die Weidetiere erzeugen bestimmte Muster der Vegetationsstruktur, die den Lebensraum von vielen Insektenarten, wie beispielsweise Heuschrecken und Schmetterlingen, prägen.

Wenn sich Tiere von Gräsern ernähren, die für den menschlichen Magen nicht verwertbar sind, ist das sehr sinnvoll. Doch nur circa 15 bis 20 Prozent der österreichischen Rinder darf auch auf Weiden grasen. Das führt zu einem weiteren Problem. Österreich kann Futtermittel nicht in der benötigten Menge anbauen und ist damit auf den Import angewiesen ist. Und das obwohl Österreich mit rund 44.000 Hektar das fünftgrößte Sojaanbauland der Europäischen Union ist. Um genügend Futtermittel zu haben werden jährlich zwischen 550.000 und 600.000 Tonnen gentechnisch verändertes Soja importiert. Das sind rund 70 Kilogramm pro Einwohner. Dafür muss zum Großteil auch der südamerikanische Regenwald abgeholzt werden.

Die Menge an Futtermittel, die benötigt wird, kann man auch in Kalorien darstellen. Für eine einzige tierische Kalorie werden, je nach Tierart, fünf bis 30 pflanzliche Kalorien verfüttert. Zum Beispiel werden für eine Kalorie aus Rundfleisch zehn Kalorien aus Getreide gebraucht. Nicht nur in Bezug auf das Klima sondern auch in Bezug auf den Hunger auf der Welt eine Frage der Moral. Es wird geschätzt, dass weltweit rund 795 Millionen Menschen, das sind in etwa 11 Prozent, an Hunger leiden. Trotzdem verfüttern wir 90 Prozent der Sojaproduktion und 30 Prozent der weltweiten Getreideernte an Nutztiere statt an Menschen. Nach einer Berechnung des UN-Umweltprogramms könnten die Kalorien, die bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel verloren gehen, theoretisch 3,5 Milliarden Menschen ernähren.

YOLO Fazit zum Fleischkonsum

Bio- oder konventionelle Produkte kaufen?

Generell werden mit einer biologischen Anbauweise weniger Treibhausgase verursacht als mit konventioneller Produktion. Einer österreichischen Untersuchung zufolge können so zehn bis 35 Prozent eingespart werden, da eine biologische Produktion einen geringeren Energiebedarf hat und auf mineralische Stickstoff-Dünger, Pflanzenschutzmittel und Importfuttermittel verzichtet.

Wie viel bringt das saisonale Einkaufen?

Saisonalität hat immense klimarelevante Vorteile. Beispielsweise ist die Produktion von Obst und Gemüse im Freiland deutlich günstiger für das Klima als ein Anbau außerhalb der entsprechenden Jahreszeit in beheizten Treibhäusern oder sogenannten Folientunneln. Grundsätzlich sind bei gleichen Produktionsbedingungen erzeugte Lebensmittel, bei denen Transporte minimiert werden, immer vorteilhaft.

Warum soll ich regional einkaufen?

Regionale Lebensmittel haben keinen beziehungsweise nur einen geringen Transportweg. Wussten Sie, dass ein Flugtransport klimabelastender ist, als ein Hochseeschiff? Flugzeuge stoßen ungefähr 200-mal mehr Treibhausgase pro Tonnenkilometer aus. Aufgrund kürzerer Transportwege haben regionale Lebensmittel das Potenzial, Energie und damit Treibhausgasemissionen einzusparen.

Es lohnt sich also beim Einkaufen zweimal hinzusehen und saisonalen Freiland-, Bio- und regionalen Produkten den Vorzug zu geben. Zweifellos ist eine gute Ernährung das Fundament unserer Gesundheit, aber sie leistet auch einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz. Gegenüber einer typisch österreichischen Kost können mit einer Ernährung nach ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen 16 Prozent der Treibhausgas-Emissionen eingespart werden. In der Kurzfassung heißt das: Maximal dreimal wöchentlich und maximal je Portion 150 Gramm Fleisch und mehr pflanzliche Lebensmittel – fünf handtellergroße Portionen Obst und Gemüse sowie vier Portionen Getreide und Erdäpfel pro Woche.

Fleisch-Gütesiegel auf dem Prüfstand

In Österreich gelten sehr hohe Standards und Richtlinien für Lebensmittel. Es gibt vier staatlich anerkannte Gütezeichen. Welche das sind und welche Kriterien sie erfüllen müssen, lesen Sie in unserer aktuellen YOLO Ausgabe („Cellulite? Geht gar nicht!“). Sie können sie in unserem Abo-Shop bestellen.

Klicken Sie sich zum Fleisch direkt vom Bauern

Eine hervorragende Lösung Fleisch zu genießen und das Klima nicht zu belasten, ist das Fleisch direkt vom Bauern zu beziehen. Mittlerweile haben viele Bauernhöfe auf eigenen Websites oder auf speziellen Plattformen Bestellsysteme eingerichtet. Wir haben für Sie aus jedem Bundesland (außer Wien) zwei Bauernhöfe gesucht und zeigen Ihnen, wo Sie noch weitere Höfe finden können:

Burgenland

Kärnten

Niederösterreich

Oberösterreich

Salzburg

Steiermark

Tirol

Vorarlberg

 

Weitere Suchmöglichkeiten

 


Quellen:

  • Fritsche U. R., et al., Treibhausgasemissionen durch Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln. Arbeitspapier, 2007; Öko-Institut e.V., Darmstadt/Hamburg

  • von Koerber K., et al., Ernährung und Klima; Der kritische Agrarbericht, 2009

  • Emissions impossible: How big meat and dairy are heating up the planet. GRAIN & IATP, 2018

  • Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus; Broschüre: Klimawandel - „vom Acker bis zum Teller“

  • Lindenthal T., et al., Klimabilanz biologischer und konventioneller Lebensmittel im Vergleich. Ökologie und Landbau, 2010


 


Artikeleckdaten:

  • Artikelerstellung: 15.1.2021
  • Letztes Update: 15.3.2021

 

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