Mann und Frau sehen sich an und Formen mit ihren Händen ein Herz, wo die Sonne durchscheint.
12.02.2021

Love is all around:
Aber was ist Liebe?

Text: Helene Lacom

Ist die Liebe die Grundlage des Lebens oder nur ein Zusammenspiel von verschiedenen Hormonen? Wir zeigen welche Formen von Liebe es gibt, was sie so stark macht und warum wir eigentlich lieben.

Liebe gilt bis heute als Stoff, der die Welt zusammenhält. Wohl kein Gefühl wurde in der Geschichte der Menschheit seit Urzeiten so viel beschrieben, besungen und analysiert wie die Liebe. Von der gesamten Kunst auf dieser Welt würde ohne die Liebe wohl nur herzlich wenig übrigbleiben. Tausende Lieder, Bücher oder Filme erzählen von allen möglichen Formen der Liebe, Zuneigung und Leidenschaft.

Orson Welles war sogar der Meinung: „Erst Verliebtheit und Liebe ist die Triebfeder des menschlichen Handelns.“ Eine Ansicht, die am anderen Ende der Skala heute auch manche Evolutionsbiologen stützen. Bis heute ist die Liebe aber etwas schwer Fassbares geblieben und entzieht sich einer allgemeingültigen Definition.

„Was aber Liebe ist, hat noch keiner herausgebracht“

Der Dichter Heinrich Heine war dieser Überzeugung und diese hat bis ins 21. Jahrhundert ein Quäntchen Wahrheit behalten, wiewohl man sich dem Themenkomplex immer mehr konzentrisch anzunähern versucht. Abseits der Kunst hat die exakte Wissenschaft das Phänomen erst relativ spät für sich entdeckt. Liebe galt bis Anfang der 80er Jahre als unseriöses Forschungsobjekt, zu schwammig und weder mess- noch einordbar. Danach setzte jedoch ein Paradigmenwechsel ein und die Liebesforschung explodierte regelrecht. Inzwischen ist die Literatur dazu schier unübersichtlich geworden. Doch was ist Liebe wirklich?

Schon Hippokrates vermutete, dass das Gehirn der Sitz der Liebe ist, was heute von allen modernen Wissenschaftlern bestätigt wird. Emotions- und Hirnforscher vertreten die These, dass Gefühle in ständiger Auseinandersetzung zwischen gespeicherten Erinnerungen und neuen Wahrnehmungen im Gehirn entstehen. Woher unsere Gefühle und Emotionen kommen und wie sie entstehen, lesen Sie in unserem Artikel „Das limbische System“.

Die aktive Form des Wortes „zu lieben“, ist laut Erich Fromm eine Kunst, die erlernbar ist, aber auch lebenslang geübt werden muss. Es geht dabei darum, sich dem geliebten Menschen stets mit Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung sowie Erkenntnis des anderen zuzuwenden. Zuwendung gibt ein Gefühl der Sicherheit und lässt die Liebe wachsen. Tipps gibt er dem Leser in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ zwar nicht mit auf den Weg, Zugänge dazu hingegen schon, die für das Erlernen jeder Kunst unverzichtbar sind: Disziplin, Konzentration, Geduld und die Wichtigkeit, die man dem Thema zumisst. 

Im Fall der Liebe nennt er zusätzlich die Überwindung des Narzissmus, die Vernunft als Fähigkeit objektiv zu denken, den Glauben an sich selbst und andere sowie den Mut zu riskieren, auch Schmerz und Enttäuschung zu erleben. Für Fromm ist die Liebe als stärkstes Streben des Menschen die einzig befriedigende Antwort auf sein Existenzproblem: dem Entrinnen der Einsamkeit und des Getrenntseins.

Liebe ist eine aktive Kraft, da sie im Geben, nicht im Nehmen liegt. Weder kann sie erzwungen werden noch kann man sich ihrer willentlich entledigen. Sie kann durch beständige Zuwendung genährt, aber rasch auch wieder zertreten werden. Bei der reifen Liebe wird die Isolation überwunden, das Selbst bleibt jedoch noch bestehen. Freud sah Liebe als Ausdruck der Sublimierung des Sexualtriebs. Fromm dreht dies um, indem er das sexuelle Verlangen als Ausdruck des Bedürfnisses nach Liebe und Einheit definiert. Der Neurologe und Existenzforscher Viktor Frankl geht noch weiter: Er sieht Liebe neben einer erfüllenden Arbeit als eigentliche Antwort auf die Sinnfrage.

Lieben bedeutet die Bereitschaft der Seele, mehr zu geben als zu empfangen. Sie ist Wärme und Respekt, Tränen und Lachen, ist Tod und Geburt, eine Begegnung mit dem „Du“ auf Augenhöhe mit gegenseitigem Vertrauen. Die wahre Liebe ist weit mehr als das vorübergehende Strohfeuer der Leidenschaft: Sie ist eine bewusste Entscheidung, weg vom Ich, hin zum Du und schließlich zum Wir. Lieben ist, dem anderen seinen Freiraum zu lassen statt ihm selbstsüchtig die Flügel zu stutzen. Dabei darf aber auch auf die Selbstliebe nicht vergessen werden, denn sie ist die Voraussetzung für alle anderen Arten von Liebe.

Was du liebst, lass frei.
Kommt es zurück,
gehört es dir - für immer!
Konfuzius

Wie sieht Liebe aus?

In welchen Erscheinungsformen manifestiert sich die Liebe? „Es gibt so viele Denkweisen, wie es Köpfe gibt. Folglich gibt es auch so viele Formen der Liebe, wie es Herzen gibt“, lautet dazu eine kluge Antwort Leo Tolstois. Man kann sie an den Augen eines Vaters ebenso wie am Lächeln einer Mutter, an der Fürsorge eines Arztes für seine Patienten oder am Eheversprechen ablesen. Sie kann beim Umarmen seiner Kinder, seines Geliebten oder seiner Freunde empfunden werden, bei der Fürsorge für ein Tier oder beim Einswerden mit der Natur.

Vertieft man sich in das Studium der umfassenden Literatur zur Liebe, treten verschiedene Grundformen zutage. In einer der ältesten Schriften darüber, Platons Symposium, lässt der Autor berühmte Zeitgenossen in sechs Reden über die Gestalt des Eros als Urheber des leidenschaftlichen erotischen Begehrens diskutieren. Aus dieser Abhandlung stammt auch der Begriff der platonischen Liebe. Für den Philosophen ist sie die vollendeteste Form der Liebe, da sie nicht aus körperlicher Schönheit gespeist wird, sondern im unsterblichen Seelisch-geistigen begründet liegt.

Liebst du schon oder begehrst du noch?

Stendhal unterscheidet in seinem Werk „Über die Liebe“ vier Formen des Gefühls. An erster Stelle nennt er die leidenschaftliche Liebe. Es folgt die galante Liebe, die er als die Zuneigung eines wohlerzogenen Zeitgenossen des Autors zur Dame seines Herzens beschreibt, welche leidenschaftslos-anständig ist und sich nie im Ton vergreift. Die rein sinnliche Form der Liebe kann als Sex pur bezeichnet werden, während die Liebe aus Eitelkeit das Begehren kennzeichnet, mit dem ein Mann eine schöne Frau als Luxusobjekt besitzen will.

Knapp über ein Jahrhundert später nimmt Erich Fromm eine völlig andere Einteilung vor. Er ortet fünf Arten der Liebe: Die Nächstenliebe als Liebe zu allen menschlichen Wesen aufgrund der Erkenntnis, dass alle eins sind; die Mutterliebe als einzige Form der absolut bedingungs- und selbstlosen Liebe; die erotische Liebe als exklusiver, nicht universaler Ausdruck des Gefühls; die Selbstliebe im biblischen Sinne von „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ als Voraussetzung, andere überhaupt lieben zu können; und schließlich die Liebe zu Gott, welche auch dem Wunsch des Einsseins entspringt und in ihrer reifen, sublimierten Form das Sehnen nach der Erlangung der vollkommenen Liebesfähigkeit bedeutet. Gott lieben heißt in diesem Sinne Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit suchen.

“Wo es Liebe regnet,
wünscht sich keiner einen Schirm”

aus Dänemark

Omnia vincit amor – Liebe besiegt alles

Schon Vergil erkannte die Liebe als stärkste Kraft an. Ohne sie gäbe es kein menschliches Leben, da Säuglinge ohne liebevolle Zuwendung nicht überleben könnten. Für viele ist sie ein Gefühl, das selbst die größten Hindernisse überwindbar macht und sprichwörtlich Berge versetzen kann. Andere kennen die schmerzhafte Erfahrung, dass auch eine große Liebe allein manchmal nicht genügt, um eine Beziehung am Leben zu erhalten. Liebe bedeutet Geborgenheit, Wärme, absolutes Vertrauen und manchmal sogar die Bereitschaft, sein Leben für jemanden zu riskieren. Lieben und Geliebtwerden macht verletzlich, bietet jedoch auch die Möglichkeit, sich dem anderen schwach zu zeigen, ohne Stärke zu produzieren.

In wenigen Versen fasst Goethe die Essenz des Liebens zusammen: „Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt, Glücklich allein, Ist die Seele, die liebt.“ Menschen können ohne Liebe nicht leben und sind bereit, dafür auch Schmerzen, im Extremfall wie in Portugals wohl herzzerreißendstem Fado Lágrima sogar den Tod in Kauf zu nehmen. Warum wir überhaupt lieben ist auch ein viel untersuchter Topos der Wissenschaft. Aus evolutionärer Sicht ist die Liebe ein Beziehungskitt, um die Brutpflege zu garantieren, und auch der Schriftsteller Somerset Maugham sah die Liebe als Trick der Natur, um das Fortbestehen der Menschheit zu garantieren. Nur wenn Mann und Frau emotional aneinander gebunden waren, konnte die gemeinsame Aufzucht des Nachwuchses erfolgreich gelingen.

Das macht die Liebe mit unserem Körper

Auch wenn der moderne Mensch durch Erziehung, Ratio, Bildung und Reflexionsfähigkeit nicht mehr ausschließlich trieb- und instinktgesteuert ist, so ist die Macht der Biologie nicht zu unterschätzen. Dazu setzt die Natur geschickt einen Cocktail an Liebes- oder Bindungshormonen ein. Als besonders entscheidend gilt das Oxytocin bei der Frau und das entsprechende Pendant Vasopressin beim Mann, das schon bei zarten Berührungen, aber vor allem beim Sex und Orgasmus ausgeschüttet wird. Je mehr davon freigesetzt wird, desto mehr festigt sich eine Paarbeziehung.

In der Verliebtheitsphase haben auch die Glückshormone Dopamin und Serotonin ihre Finger mit im Spiel: Während das Gehirn mit Dopamin regelrecht geflutet wird, sinkt der Serotoninspiegel auf ein Rekordtief. Ersteres bedingt, dass Verliebte oft „wie auf Drogen zu sein scheinen“, und tatsächlich ist hirntomografisch eine Analogie zu Kokainkonsumenten feststellbar. Der Serotoninmangel hingegen ist möglicherweise für das typisch obsessive Verhalten verantwortlich, bei dem das Objekt der Begierde gedanklich unaufhörlich umkreist wird. Bezeichnenderweise haben auch Zwangsneurotiker und chronisch Eifersüchtige einen auffallend niedrigen Serotoninspiegel. Wie man die Glückshormone für sich nutzen kann und wie Sie die Produktion beeinflussen können, erfahren Sie in unserem Artikel „Diese Hormone machen Sie glücklich“.

LIEBE IST DAS SCHÖNSTE GEFÜHL

Die Tatsache, dass wir uns in Gegenwart des geliebten Menschen so geborgen und gelassen fühlen ist dem Zur-Ruhe-Kommen der sogenannten Amygdala im Temporallappen, dem Angst- und Aggressionszentrum, zu verdanken. Der österreichische bildende Künstler Mario Dalpra hat die Liebe so für sich zusammengefasst: „Liebe ist etwas, das in uns wie eine Quelle der Hoffnung sprudelt und uns am Leben hält. Wir brauchen sie ein ganzes Leben lang um uns manchmal ein wenig an ihr zu laben.“

Für einen der größten Dichter Kasachstans, Olschas Sulemeinow, gehört sie zum irdischen Dasein wie die Luft zum Atmen. In seinem Gedicht Nachtvergleiche schreibt er: „Ich liebe dich – Wie der Frosch zu quaken liebt – Wie die Witwe zu klagen – Wie der Fisch zu schwimmen. – Ich liebe dich, wie der Feigling den Ruhm – Wie der Esel das Gras – Wie die Sonne den Himmel liebt.“ Und Wilhelm Busch bekannte: „Die Summe meines Lebens sind die Stunden in denen ich geliebt habe.“  Dem ist nichts hinzuzufügen!

Liebe sieht nicht mit den Augen,
sondern mit dem Herzen.
William Shakespeare

Quellen:

  • Bas Kast, Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt; S. Fischer Verlag, 2004
  • Fromm E., Die Kunst des Liebens; dtv, 2020
  • Miketta, G., Tebel-Nagy, C., Liebe & Sex. Über die Biochemie leidenschaftlicher Gefühle; Georg Thieme Verlag, 1996
  • Wüstenhagen Claudia, 14.2.2015, Ein Lächeln, und die Welt wird neu erschaffen, Abfrage vom 2.8.2021, 13:07 Uhr

Artikeleckdaten:

  • Artikelerstellung: 12.2.2021
  • Update: 2.8.2021

 

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