Schatten einer Frau im Meditationssitz. Der Körper ist durchleutet von Sonnenlicht und einem heiteren Himmel.
19.05.2021

Was ist die Seele?

Text: Nikola Walde

Die Seele – niemand von uns hat sie je gesehen, gerochen, geschmeckt, geschweige denn, sie in der Hand gehalten. Und trotzdem gibt es sie. Wir machen uns auf die Suche nach Antworten auf die Frage: Was ist die Seele – und wo ist sie eigentlich?

Dass es eine Seele gibt, das erzählen uns Menschen seit Tausenden von Jahren – Philosophen, Theologen, Esoteriker, Poeten – sogar einige renommierte Physiker. Und auch wir selbst spüren, dass wir nicht bloß aus unserem Körper gemacht sind. Dass da noch viel mehr in uns steckt als ein perfekt designtes Gehirn und ein unermüdlich schlagendes Herz – etwas, das sich aber nicht greifen und nicht in Worte fassen lässt. Für manche hat sie etwas rein Religiöses, für andere Spirituelles, noch andere werden sie mit dem Verstand, den Gedanken oder der Gefühlswelt gleichsetzen.  

Haben Sie sich schon Mal gefragt, oder vielleicht sogar für sich selbst herausgefunden, was die Seele eigentlich ist? Falls nicht, dann lassen Sie uns ein wenig philosophieren – vielleicht kommen wir ja gemeinsam der Antwort ein Stückchen näher.

Seele in der Geschichte

Das Wort Seele tauchte erstmals im 8. Jahrhundert auf. Es leitet sich höchstwahrscheinlich vom althochdeutschen Wort sēla (saiwaz: See) und Mittelhochdeutschen sēle ab. Womöglich auch vom germanischen Wort saiwalō, die allesamt „See“ bedeuten. Nach alter germanischer Vorstellung hielten sich Menschen vor ihrer Geburt und nach dem Tod im Wasser auf. Daran glaubten viele der alten Völker des nördlichen Europa. Seele bedeutete demnach damals: von See kommend, dem See gehörend. Seit dem 10. Jahrhundert tauchte im Old English ebenfalls die Bedeutung des Wortes Seele als Geist des Verstorbenen auf. Im 14. Jahrhundert kommt Seele wiederum als Synonym für Person und Mensch vor. 

Der Mensch nimmt nicht ausschließlich Sinnesreize wahr, die durch das Sehen, das Hören, das Tasten, das Riechen und das Schmecken ermöglicht werden. Im Laufe seines Lebens entwickeln wir zusätzlich ein Bewusstsein für „das große Ganze“ – Schätzungen zufolge sogar schon im Säuglingsalter. Es liegt in der Natur des Menschen zu grübeln, zu denken und zu fühlen. So bringt unser Verstand Emotionen, Gefühle, geistige Vorgänge und Ideen hervor, die allesamt unsere innere Welt, unsere Seele eben ausmachen.  

Seele in der Religion

Viele von uns verbinden ihre erste Erinnerung an den Begriff der Seele mit dem schulischen Religionsunterricht, dem 2. November, an dem Allerseelen gefeiert wird oder der Sonntagsmesse, die wir als Kinder mit Eltern oder Großeltern, Mal mehr, Mal weniger regelmäßig besucht haben. Da kamen auch die meisten mit dem Konzept der Unsterblichkeit der Seele und des Lebens nach dem Tod erstmals in Berührung. 

Diese Vorstellung, dass die Seele eines menschlichen Wesens noch vor der Entstehung seines Körpers existierte, entstammt der sogenannten Präexistenzlehre, die es in abgewandelter Form sowohl bei griechischen Philosophen der Antike, darunter Pythagoras, Plato und Aristoteles, als auch später im Christentum und vielen anderen Weltreligionen, darunter auch im Hinduismus, Buddhismus, im Islam und im Judaismus zu finden gibt.

Seele im Christentum – Die Wiedergeburt der Seele

Pythagoras glaubte, dass die Seele unabhängig vom Körper existiere und nach dem Tod in einen neuen Körper wandern könne. Für Platon war die Seele für die Wahrnehmung und das Handeln verantwortlich während der Körper lediglich für eine  bestimmte Zeit als ihr Instrument, als Mittel zum Zweck, diente. Vor der Inkarnation (lat. Fleischwerdung, Verkörperung) bestand die Seele aus dem Denken. Das Wollen und Fühlen kamen erst nach ihrer Verkörperung hinzu und Platon begriff sie als (mit dem Tod des Körpers) vergänglich. Er nahm an, dass sich die Seele nach der Re-Inkarnation in einen neuen Körper an das im früheren Leben Gelernte erinnern könne. Platons Anamnesis (Seelenlehre) besagt, dass das Wissen einer unsterblichen Seele bei der Geburt vergessen wird. Der Mensch erlangt im Laufe seines Lebens durch seinen Intellekt lediglich die Fähigkeit, sich an dieses vergessene ewige Wissen zu erinnern. Aristoteles meinte später, dass die Verkörperung der Seele einer Krankheit glich und ihr Wissen im menschlichen Körper deshalb bei der Geburt in Vergessenheit geriet.   

Im dritten Jahrhundert beschäftigte sich der alexandrinische Theologe und christliche Autor Origenes mit dem platonischen Konzept der Seele und übernahm unter anderem die Vorstellung der sogenannten Dreiteilung des Menschen in Körper (gr. soma), Seele (gr. psyche) und Geist (gr. nous) ins Christentum. So entstand das christliche Konzept, dass es 

Gott war, der alle Seelen zu Beginn der Schöpfung selbst schuf, die sich in Menschen verkörperten und deren Seelen unsterblich sind. 

Die Seele im Buddhismus – Reinkarnation  

Hindus und Buddhisten glauben an die Reinkarnation, also die, sich wiederholende Wiedergeburt von Göttern, Menschen und Tieren. In beiden Religionen – Buddhismus entwickelte sich in großen Teilen aus dem hinduistischen Gedankengut – gibt es das Rad der Wiedergeburten (den Kreislauf des Werdens und Vergehens), der Samsara genannt wird. So wandert die Seele nach dem Tod in einen anderen Körper und wird in ihm wiedergeboren. Für Buddhisten gilt der Tod als Neubeginn, wobei der Geist den Körper nach dem Tod verlässt und nach einem neuen Körper sucht. Das Karma eines Menschen spielt hier die entscheidende Rolle. Je nach Taten oder Handlungen, Gedanken und Absichten eines Menschen während seiner Lebzeiten wird seiner Seele der neue Körper zuteil. 

Auch in der mystischen Tradition des Judentums (Kabbala) durchlaufen Seelen viele Wiedergeburten. Die jüdische Lehre des Talmud besagt, dass Tora-Bildung (auch Torah oder Thora: der erste Teil der hebräischen Bibel Tanach bestehend aus fünf Büchern) dem Menschen ins Bewusstsein ruft, was unbewusst schon immer da gewesen ist. So kann er immer höhere Stufen des Wissens, und somit auch immer höhere Stufen seiner Seele erreichen. Für die meisten Menschen ist die Zeit des Lebens nicht ausreichend, um dies zu bewerkstelligen. Deshalb wird ihre Seele wiedergeboren – um das zu vollenden, wofür ihnen die Zeit nicht gereicht hat.

Seele, Geist und Spiritualität

Menschen, die Spiritualität (und nicht unbedingt Religiosität) auszeichnet, glauben ebenfalls an die Unsterblichkeit der Seele und ihre Wiedergeburt in einem neuen Körper nach dem Tod. Sie glauben aber auch oft daran, dass alle lebenden Wesen, also auch Tiere und Pflanzen, eine Seele besitzen. Dabei werden die Begriffe Seele und Geist häufig gleichgesetzt.

Im Kontext der Seele fällt auch häufig der Begriff feinstofflicher Energie. Die sogenannte Energiearbeit, eine alternativmedizinische Behandlungs- und Heilmethode, die allerdings einen schlechten Ruf genießt und als pseudowissenschaftlich und esoterisch kritisiert wird, konzentriert sich auf die Wahrnehmung und das Bewusstsein für feinstoffliche Energie, die auf drei Ebenen von Körper, Geist und Seele durch den Körper hindurchfließt. Dieser Ansatz ähnelt zum Teil dem der Traditionellen Chinesischen Medizin (kurz TCM), der Akupunktur und der Kinesiologie, deren Lehren auf Energiebahnen, Meridianen (Energieleitbahnen) und dem Chi (chinesisch: Qi/氣: Energie, Atem, Kraft) basieren. 

Sie haben auch sicher schon Mal den Ausdruck alte Seele gehört oder gelesen. Das Altsein der Seele hat nichts mit dem tatsächlichen Alter zu tun. Vielmehr ist eine alte Seele ein Mensch, der auffallend gescheit ist, man möchte sagen: weise zu sein scheint. Einer, der scheinbar mehr als die anderen gesehen und erlebt, und dadurch den totalen Durchblick hat. Und, im Unterschied zu seinen Mitmenschen, das ganze große Bild sieht. Eine solche Weisheit wird darauf zurückgeführt, dass seine Seele bereits viele Inkarnationen durchgemacht hat.

Die Physik der Seele

Auch einige angesehene Physiker wie Albert Einstein, Hans-Peter Dürr oder Anton Zeilinger haben sich im Laufe der Zeit anhand des sogenannten quantenphysikalischen Phänomens der Verschränkung und des Dualismus kleinster Teilchen mit dem Konzept der unsterblichen Seele und der Möglichkeit des Lebens nach dem Tod beschäftigt. 

Einstein selbst hatte offenbar ein Problem damit, sich mit Phänomenen abzufinden, die sich seinem gesunden Menschenverstand entzogen. Er wollte nicht glauben, dass Teilchen imstande sind, sich über große Entfernungen hinweg gegenseitig zu beeinflussen. Das Phänomen in der Quantenmechanik, wo zwei Teilchen auf eine Art miteinander verschränkt sind, dass die Zustandsveränderung des einen automatisch zur Zustandsveränderung des anderen führt nannte er deshalb „spukhafte Fernwirkung”

In der Zwischenzeit haben aber weltweit einige renommierte Wissenschaftler anhand von Experimenten mit Elektronen herausfinden können, dass es die „spukhafte Fernwirkung” tatsächlich gibt und sich diese sogar noch um einiges schneller ausbreiten kann als das Licht. Unklar bleibt jedoch, wie genau es möglich ist.

Die Seele und das Ich finden

In der Psychologie sprechen wir von der Psyche. Das Wort Psychologie wird abgeleitet von zwei altgriechischen Wörtern: psȳchḗ (ψυχή), das Hauch, Atem, Leben, Lebenskraft, Seele, Geist, Gemüt bedeutet und logía (λογία), das Lehre, Wissenschaft heißt. Übersetzt heisst Psychologie also: die Lehre von der Seele. Auch umgangssprachlich reden wir von Psyche, wenn wir die Welt unserer Gedanken und Gefühle, unser seelisches Wohlbefinden oder den mentalen Zustand meinen. 

Aber sind Psyche und Seele dasselbe? Oder ist Psyche eher mit dem Verstand und der Gedankenwelt verknüpft – mit unserem Gehirn sozusagen – und ist die Seele vielmehr unser „Herz”, das, was uns als Menschen ausmacht, der Kern und das Wesen unseres Ichs? Der Ort, an dem sich auch unser innerer moralischer Kompass befindet, unser intrinsisches Gefühl für Richtig und Falsch, das Gespür für das Schöne und das Abscheuliche, unsere Fähigkeit zur Liebe und zum Hass? 

Im 21. Jahrhundert wird es von Jahr zu Jahr zunehmend schwierig, Raum für innere Entfaltung zu finden. Einen stillen Platz, an dem wir in Ruhe nachdenken können, den Moment wirklich genießen, um uns selbst und unsere Seele zu spüren. Es sind zu viele, teils sehr starke Reize – überall elektronische Geräte, eine überwältigende Menge an Informationen und Nachrichten, blinkende Lichter und ohrenbetäubender Lärm, grelle Produkte und glänzende Dinge, die uns ständig locken, die wir aber ganz und gar nicht benötigen. Aber auch zu viele Menschen um uns herum, zu viele Aktivitäten, die wir nie und nimmer imstande sind, im ausreichenden Maße geistig zu verarbeiten. All das übertönt unser inneres Ich und lässt die Seele in Vergessenheit geraten.

Wenn wir es schaffen könnten, uns auf Qualität und nicht Quantität des Erlebten, der Bekanntschaften, Freundschaften et cetera zu konzentrieren, das Unwichtige und Überflüssige auszublenden, das uns vom Wesentlichen ablenkt und uns stattdessen auf uns selbst und diese ungreifbare Welt in uns drinnen besinnen könnten – vielleicht würden wir dann unsere Seele und auch uns selbst spüren und kennen lernen.

Durch Meditation die Seele berühren

Meditation ist wahrscheinlich gerade deshalb so beliebt, weil sie dabei hilft, abzuschalten, runterzukommen, die Mitte zu finden und sich selbst wieder intensiver zu spüren. Dabei gibt es sehr viele verschiedene Meditationsarten. Neben der beliebten transzendentalen- und Zazen-Meditation erfreuen sich vor allem die dynamische abwechslungsreiche 

Osho-Meditation, die ruhige entspannende Mantra-Meditation oder die Vipassana-Meditation, die zehntägiges Schweigen (!) voraussetzt, großer Popularität. Je nach Persönlichkeitstypus, findet hier bestimmt jeder die für sich richtige und effektive Meditationsmethode. Den meisten fällt es wohl schwer, sich darauf einzulassen – nicht zuletzt deshalb, weil es überraschend schwierig ist, ruhig in einer Position zu verharren oder sich zu konzentrieren und einfach nur auf den Atem zu achten. Seine Gedanken loszuwerden und abzuschalten kostet Überwindung, Mühe und bedarf zudem so einiger Zeit und Übung. Dabei sollen die Vorteile der Meditation durchaus lohnend bis lebensverändernd sein. Was Meditation nachweislich ins uns bewirkt, damit haben wir uns an dieser Stelle beschäftigt.

Die Augenblicke in denen wir uns als Menschen innerlich berührt und von etwas Schönem, Bedeutsamen ergriffen fühlen – im Hier und Jetzt sein und sich die Zeit nehmen für das bewusste Erleben und das Auf-sich-wirken-lassen – diese Fähigkeit geht in der Hektik und im Chaos des geschäftigen grellen Alltags verloren. Dies lässt uns (vor unseren Bildschirmen) den Draht zu unserer Seele – und zu uns selbst – zu oft verlieren. 

Das Feilen am inneren Wachstum und dem seelischen Erleben erfordert Zeit, es muss langsam geschehen und kann kaum auf die Schnelle erzwungen werden. Wenn wir all dies begreifen, wird uns ein erfülltes und folglich glückliches Leben ermöglicht. 

So wie das Ordnung-Schaffen in den eigenen vier Wänden kathartisch (reinigend) wirken kann, so kann auch das Aufräumen unseres Inneren, das damit in gewisser Weise einhergeht, reinigend und befreiend wirken. Alles, was uns umgibt, beeinflusst auf unterschiedliche Weise unsere innere Welt, unsere Psyche und unsere Wahrnehmung.

 

„Das Aufräumen, das Beseitigen von Dingen, die man nicht liebt oder gebraucht, macht einen frei dafür, man selbst zu sein, und das ist das größte Geschenk, das man sich überhaupt machen kann.”
Karen Kingston
Autorin & Expertin in Sachen Space Clearing

Bleiben Sie auf der Suche nach der Seele neugierig

Je intensiver wir uns mit dem Thema vom philosophischen, religiösen, mystischen, psychologischen oder quantenphysikalischen Gesichtspunkt aus beschäftigen, umso einfacher wird es, das doch sehr vage und implizite Konzept einer Seele für sich zu definieren und vielleicht dann doch greifbar(er) zu machen

Jeder von uns tickt ein bisschen anders als der andere – der eine wird die Welt und ihre Komplexität eher pragmatisch, analytisch und logisch betrachten, der andere tendiert womöglich eher in die spirituelle, esoterische oder philosophische Richtung. So oder so lohnt es sich, der Seele ein bisschen seiner Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, und sich auch Mal für andere Perspektiven des Themas und neue Zugänge zu öffnen. Auch wenn so manche Thesen einen vielleicht in Versuchung bringen, das Ganze zu belächeln oder als Unsinn, Esoterik, Sci-Fi oder Pseudowissenschaft gänzlich abzutun. Nur so wird es möglich sein, zu neuen, möglicherweise überraschenden Erkenntnissen über uns selbst, die Welt und das Bis-jetzt-Gelernte zu kommen. Schließlich können wir nicht endgültig ausschließen, dass eine Seele, oder etwas Ähnliches (wofür wir auch jederzeit einen neuen Begriff schaffen können) unserem Körper innewohnt. 


Quellen:

  • Baatz Ursula, 2017, Spiritualität, Religion, Weltanschauung: Landkarten für systemisches Arbeiten, Verlan Vandenhoeck & Ruprecht, Wien
  • Goller Hans, 2017, Das Rätsel der Seele: Was sagt uns die Wissenschaft?, Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer
  • https://www.duden.de/rechtschreibung/Seele, Abfrage vom 14.4.2021, 9:20 Uhr
  • Lindinger Manfred, 16. Mai 2018, Stresstest für die Quantenphysik, Abfrage vom 15.4.2021, 8:10 Uhr
  • von Münchhausen Marco, 2006, Wo die Seele auftankt. Die besten Möglichkeiten, Ihre Ressourcen zu aktivieren, Goldmann Verlag, München
  • Walter Ulrich, 29. Juli 2015, Einsteins spukhafte Fernwirkung, Abfrage vom 20.4.2021, 9:25 Uhr

 

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