Darm-Hirn-Achse: Frau hält sich die Hände am Bauch und fühlt sich sichtlich wohl.
08.10.2020

Der Darm: Unser zweites Gehirn?

Text: YOLO Online-Redaktion

Wer glaubt, das Hirn sei Chef des Körpers, irrt. 100 Billionen Bakterien in unserem Darm machen das Mikrobiom zum Hauptakteur. Wie sich Darm und Hirn gegenseitig beeinflussen und was der Darm mit der Entstehung von Allergien zu tun hat, das erfahren Sie in diesem Artikel.

Früher wusste man relativ wenig über die Bakterien in unserem Darm. Mittlerweile haben Forscher heraugefunden, dass die Bakterien unseres Darms, der durch die immens hohe Anzahl an Bakterien auch Mikrobiom genannt wird, darüber entscheiden, ob wir gesund durchs Leben gehen - oder nicht. Das Mikrobiom wird grundsätzlich als Gesamtheit aller Mikroorganismen definiert, die in Verbindung zu unserem Körper leben. So befindet sich dieses Mikrobiom nicht nur in unserem Darm, sondern an allen Körperoberflächen, die mit der Umwelt in Verbindung stehen, wie zum Beispiel auch Atemwege, Urogenitaltrakt und Haut. Zum Mikrobiom zählen nicht nur Bakterien, sondern auch Pilze, Viren und andere Organismen. Den größten Teil bilden jedoch Bakterien. Pilze und Protozoen stellen nur eine Minderheit dar. Interaktionen finden sowohl zwischen den einzelnen Bakterienspezies, als auch zwischen Bakterien und dem Wirt (das uns selbst) statt.

Die Wichtigkeit des Mikrobioms wird bei folgenden Daten noch deutlicher: Bis zu 1,5 Kilogramm wiegen alleine die Darm-Bakterien bei jedem Menschen, in etwa 1.000 Arten wurden bisher entschlüsselt. Die höchste Dichte an Bakterien beherbergt der Dickdarm. Schätzungen zufolge liegt die Gesamtorganismenzahl in den Darmwindungen bei circa 1.014 Mikroorganismen. Zehnmal mehr als die Zahl an Körperzellen. 400 bis 500 Arten davon werden darin beherbergt, wobei 30 bis 40 Spezies bis zu 99 Prozent der bakteriellen Zellmasse ausmachen.

Wie eine gesunde Mikrobiota zusammengesetzt ist, ist zwar nicht exakt definierbar, doch gilt eine hohe Vielfältigkeit als günstig. Neue Forschungsarbeiten zeigen die frühe Prägung der Interaktion zwischen Darm, beziehungsweise Mikrobiom, und Gehirn: Die Programmierung findet in den ersten drei Lebensjahren und auch bereits bei der Geburt statt. Zahlreichen Studien zufolge weisen Kaiserschnittkinder ein weniger abwechslungsreiches Mikrobiom auf. Man spricht von einer geringen Diversität der Bakterien. Bei einer vaginalen, also natürlichen Geburt kommt das Neugeborene mit dem Vaginalschleim der Mutter in Kontakt und der sorgt für ein gutes Mikrobiom-Starter-Kit. Mittlerweile werden sogar die Kinder nach einer Kaiserschnittgeburt mit dem Vaginalsekret der Mutter benetzt, damit die Neugeborenen die Bakterien über die Haut aufnehmen können.

Allergien aus dem Darm?

Sowohl bei der Entwicklung des Mikrobioms, als auch bei der Allergieentstehung gilt das erste Lebensjahr als besonders wichtige Phase. Diese Parallelen legen die Vermutung nahe, dass die Mikrobiota an der Entstehung von Allergien einen entscheidenden Anteil haben. Wissenschaftliche Studien können dies mittlerweile sogar belegen.

Epidemiologische Studien zeigen, dass ein verminderter Kontakt zu Umweltbakterien in den ersten Lebensjahren mit einem erhöhten Risiko später Allergien zu entwickeln in Zusammenhang steht. Bestimmte probiotische Bakterien, wie zum Beispiel Laktobazillen oder Bifidobakterien, wurden bereits erfolgreich bei Hochrisikokindern zur Allergievermeidung angewendet. Zum Beispiel konnte gezeigt werden, dass die Verabreichung von Probiotika bei schwangeren und/oder stillenden Frauen und/oder deren Neugeborenen das Risiko der Kinder für entzündliche Hautprobleme senkt. Trotz des vielversprechenden Konzepts sind noch mehr Studien erforderlich, um den positiven Effekt von Probiotika auf Lebensmittelallergien oder Asthma zu untersuchen. 

Das Mikrobiom des Darms ist notwendig, damit die sogenannten konven­tionellen dendritischen Zellen (cDC) in der Lage sind, weitergehende Reaktionen des Immunsystems anzustoßen. Die cDC gehören dem angeborenen Immunsystem an. Sie sind mit einer Reihe von Mustererkennungs-Rezeptoren ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, eindringende Erreger schnell zu identifizieren. Die Zellen reagieren zunächst mit der Ausschüttung von Botenstoffen, die weitere Immunzellen an die Stelle der Infektion locken. Gleichzeitig nehmen sie Krankheits­erreger auf, zerlegen sie und präsentieren anschließend einzelne Bruchstücke als Antigene an der Zelloberfläche. Das wiederum führt zur Aktivierung von T-Zellen. T-Zellen werden auch T-Lymphozyten genannt und kommen hauptsächlich in der Lymphflüssigkeit vor. Sie werden in der Thymusdrüse gebildet (daher kommt auch das „T-“) und sorgen für die Immunabwehr.

Was ist die Darm-Hirn-Achse?

Auch wenn Darm und Mikrobiom noch nicht vollständig erforscht sind, belegen viele Studien den Einfluss der Darmbakterien auf die Gesundheit weit über ihre lokale Wirkung hinaus. Außerdem gilt der Einfluss von Darmbakterien auf das Gehirn als bewiesen.

Störungen der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn werden als Mitverursacher verschiedener gesundheitlicher Beschwerden angesehen. Dies trifft insbesondere auf das Reizdarmsyndrom oder den Einfluss von negativem Stress auf das Gehirn zu. Psychosozialer Stress, dessen primärer Angriffspunkt im Gehirn liegt, führt nachweislich zu Störungen motorischer und sekretorischer Prozesse (Produktion und Absonderung eines Sekrets) im Darm, zur Erhöhung der Durchlässigkeit der Darmwand (Darmpermeabilität) und so zur Störung des Darmmikrobioms. Auch die Schmerzempfindlichkeit ist erhöht. 

Die Bedeutung der Darm-Gehirn-Achse blieb lang unterschätzt, weil ein beträchtlicher Teil des Informationsflusses vom Darm zum Gehirn unbewusst erfolgt. Genauer sind es sogar circa 90 Prozent, die unbewusst passieren. Diese Signale führen zwar zu bewussten Empfindungen wie Hunger oder Wohlgefühl, beeinflussen aber auch emotionale und kognitive Vorgänge, was vorwiegend unbewusst passiert. Verantwortlich dafür ist das sogenannte enterische Nervensystem (ENS), das sich in den Wänden des rund sieben Meter langen Darms befindet. Es regelt die Verdauung völlig selbständig und ist mit dem zentralen und peripheren Nervensystems nicht direkt verbunden. Die Schnittstelle zwischen Darm und Gehirn bildet aber der sogenannte Vagusnerv (auch Nervus Vagus), der das enterische Nervensystem sehrwohl beeinflusst. Sicherlich haben auch Sie schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sich eine Überlastung im Alltag auf die Verdauung auswirkt oder die Verdauung eines bestimmten Nahrungsmittels auf Ihr Gemüt schlägt, weil es für Sie (entweder generell oder aus bestimmten Gründen auch nur in dem einen Fall) nicht gut verträglich ist. Der Begriff Bauchhirn hat also durchaus seine Berechtigung.

Darm-Immun-Hirn-Achse: Den Abwehrkräften auf der Spur

In unserer aktuellen YOLO Printausgabe (Einatmen - Ausatmen - Ignorieren) ist ein ausführlicher Artikel zum Thema Darm-Immun-Hirn-Achse erschienen. Darin gehen wir der Tatsache nach, wie das Gehirn die Informationen über den immunologischen Zustand des Darms erhält und wie wir uns diese Verbindung zunutze machen können. Bestellen Sie hier Ihr persönliches Exemplar.


Ein umfassender Artikel zum Thema Darmgesundheit, wie Allergien entstehen und über die Wechselwirkung zwischen Darm und Psyche ist in unserer ersten YOLO-Ausgabe vom Oktober 2020 erschienen. In der Ausgabe vom September 2021 sind wir im Printmagazin ausführlich auf die Darm-Hirn-Achse und den Vagus-Nerv eingegangen. In der YOLO Oktoberausgabe 2021 ist ein umfangreicher Artikel zur Darm-Immun-Hirn-Achse erschienen.


Quellen: 


Artikeleckdaten:

  • Artikelerstellung: 8.10.2020
  • Letztes Update: 25.10.2021